Düsseldorfer Rede 2019

 
 

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Es gilt das gesprochene Wort. Düsseldorfer Reden 2019. dh

Anliegen: Zusammenwachsen – Zusammen wachsen.

Eines dieser Wortspiele, die so viel bedeuten können, und bei denen es darauf ankommt, wie man sich damit auseinandersetzen möchte.

Wie ich das tue, das werden sie in den kommenden 3 Stunden erfahren...

Aber zunächst einmal möchte ich mich bei den Veranstaltern für diese Einladung bedanken, hier und heute zu Ihnen sprechen zu dürfen.

Und ich möchte mich bei Ihnen bedanken, dass sie heute in dieses tolle Schauspielhaus gekom- men sind, um sich mit meinen Worten, meinen Gedanken, meinen Meinungen auseinanderzu- setzen.

Ein paar Worte zu mir, bevor ich mit meinem Thema loslege:

Mein Name ist Dunja Hayali, ich bin Journalistin, Moderatorin und wenn man nach 2 Büchern auch Autorin ist, dann bin ich auch das.

Meine Eltern kommen aus dem Norden des Irak. Kennengelernt haben sie sich allerdings in Wien, denn dort haben beide studiert und auch geheiratet. Danach ging es erst nach Mainz (Maha), dann nach Beckum, bis sie endlich in ihrer dauerhaften neuen Heimat ankamen. In Datteln. Nein, das liegt nicht im Irak, sondern in der Nähe von Dortmund/ Gelsenkirchen, also in NRW. Und in Datteln, der Stadt mit dem größten Kanalknotenpunkt der Welt, habe ich das Kohlenlicht der Welt erblickt.

Das sind Fakten, aber die interessieren ja nicht immer. Also werde ich jeden zweiten Tag „mit aller Freundlichkeit“ als eingewanderte muslimische Iranerin oder Türkin „begrüßt“ – gerne ge- paart mit der Aufforderung, ich solle doch nun endlich in meine Heimat zurückkehren. Deutsch- land sei lange genug nett zu mir gewesen, aber nachdem ich ja nun gemeinsam mit der Kanzlerin erst die Grenzen geöffnet und dann auch noch die ganzen Terroristen und Asylschmarotzer ein- geladen hätte, würde man mich jetzt doch gerne in meine Heimat entsorgen. Ich antworte dann meist, dass ich meine Heimat zwar wirklich sehr mag, aber dass ich nicht nach Datteln zurück möchte - so sehr ich den Pott auch liebe.

Sehen Sie mir also bitte nach, wenn man heute den Pott-Slang ein wenig heraushören sollte, es ist – das sei allen gesagt, die mir immer noch bescheinigen, dass ich für eine Ausländerin ganz gut deutsche spreche - kein arabischer Akzent! Und selbst wenn, würde Sie das stören?

Oder würde sie es stören, wenn wir, also meine Familie und ich, keine Christen wären? Also wenn ich tatsächlich eine „muslimische Muselfotze“ wäre, - ich entschuldige mich für diesen Ausdruck, aber so bezeichnen mich manche.

Also: würden meine Worte, meine Arbeit, meine Haltung, meine Meinung (zwei unterschiedliche Dinge) anders auf sie wirken? Würden Sie mir überhaupt zuhören?

Ach ja, eines noch: ich bin seit fast 42 Jahren Fan der einzig wahren Borussia, also der vom Nie- derrhein, und ich habe – Obacht - in Köln an der dortigen Sporthochschule studiert. Das mag hier unter Umständen die größere Bedeutung haben, als meine Religionszugehörigkeit.

Um zu verdeutlichen, worin ich eine Chance für eine gute Entwicklung sehe, möchte ich mit Ihnen eine kleine Reise unternehmen. Eine Reise durch eine Vielzahl von Veränderungen, Über- forderung, den Folgen hieraus, die man in dem – sagen wir mal - „wackligen“ Zustand in so manch einer Demokratie auf der Erde beobachten kann, bis hin zu Entwicklungen in unserem eigenen Land. Dann geht die Reise weiter über die Mechanismen der Populisten bis hin zu mei- nem ganz persönlichen Ausblick. Also, schnallen Sie sich an – wir legen los.

Den Wunsch nach Zusammenwachsen kann es nicht ohne die Feststellung geben, dass es mehr als genügend Anlässe für diesen Wunsch gibt. Leider. Beginnen möchte ich daher mit meiner ganz persönlichen Bestandsaufnahme.

Und dabei betone ich, dass dies meine Sicht der Dinge ist. Die kann man teilen, muss man aber nicht. Man kann sie kritisieren, man kann sich an ihr reiben oder an ihr feilen, um sich dann selbst zu hinterfragen – was auch immer.

Ich muss das hier am Anfang einmal deutlich sagen, denn es gibt ja immer wieder Leute, die meinen, ich wolle „erziehen“, eine „Staatsmeinung verbreiten“, „indoktrinieren“ oder „Gehirne waschen“. Ich wüsste zwar nicht warum, aber gut. Zu diesen Kritikern kommen wir später noch.

Aber eines will ich schnell in diesem Kontext loswerden:
bei allem Respekt und aller Achtung vor neutraler, unabhängiger und unparteilicher Berichter- stattung und der Einhaltung dieser Grundprinzipien: die Meinungsfreiheit gilt auch für uns Jour- nalisten. Wir müssen diese, also unsere Meinung, allerdings in unserem beruflichen Kontext kennzeichnen!
Und wer Engagement gegen Rassismus für eine Verletzung journalistischer Neutralität hält und lediglich für eine politische Einstellung neben anderen, zeigt, dass er schlicht gewisse rechtliche und moralische Grundlagen unserer demokratischen Gesellschaftsordnung entweder nicht ver- standen hat oder aber – noch schlimmer – diese aus politischer Überzeugung in Frage stellt, sagt der Autor Michael Coors.

Beginnen möchte ich also mit dem, was wir zwar brauchen, aber nicht immer wollen oder be- greifen.

TEIL 1: Veränderung

Geht es Ihnen auch so, dass man den Eindruck hat, die Welt drehe sich seit einiger Zeit augen- scheinlich immer schneller? Und dass die stärker werdenden Zentrifugal-Kräfte alles Mögliche erzeugen, nur keine Annäherung? Treiben sie nicht sogar eher alles auseinander, was doch „frü- her“ gefühlt einmal zusammengehörte? Brechen haltgebende Strukturen nicht auf? Geht der Zusammenhalt vieler Gesellschaften nicht eher verloren?

Die folgenden Beispiele sind klar, großvolumig, bedeutsam und noch schlimmer: die meisten wurden sogar vorhergesagt oder waren zumindest vorhersagbar: Digitalisierung, Globalisierung, Klimawandel, Migration, KI, maschinelles Lernen, Terror.

Vergleicht man alleine die vergangenen 50 Jahre (1970 bis jetzt) mit den 50 Jahren davor (20- 70), so entwickeln sich in vielen Teilen der Welt die Dinge immer schneller und – lässt man für diesen einen Moment einmal die furchtbaren Kriege außen vor - auch immer drastischer. Wir folgen an vielen Stellen den Möglichkeiten der technischen Entwicklung.

Bedenkt man, dass die Zeit, in der man mit den Pferdekutschen auf schlammigen Straßen, auf die auch noch der Müll geworfen wurde, unterwegs war, noch gar nicht so furchtbar lange her ist und wir heute kurz vor dem autonomen Fahren auf Basis einer Telekommunikations-Mög- lichkeit im 5G-Standard stehen, ist es schon faszinierend, wie schnell das alles ging.

Der Zeitpunkt, zu dem die ersten klobigen PCs auf den Markt kamen und von ersten Freaks und ernsthaften Anwendern angeschmissen wurden, ist ebenfalls noch nicht lange her. Heute schon tragen wir deutlich leistungsfähigere Computer am Handgelenk mit uns herum, mindestens aber in der Hosentasche.

Wir vernetzen uns dabei in einer Weise, die noch vor 30 Jahren für den Normalmenschen un- vorstellbar war. Haben Sie vor Augen, dass - mal abgesehen von ein paar marktunfähigen Vor- laufversuchen - das erste iPhone erst im Jahr 2007 auf den Markt kam? Vor 12 Jahren also traten die Smartphones ihren Siegeszug an. Heute kommt es einem bei der Selbstverständlichkeit der Nutzung doch so vor, als gäbe es das schon ewig, oder?

Der schnellste Rechner der Welt - mit Stand Mitte letzten Jahres - ist ein Fabrikat, das in der Lage ist, 122,3 „Petaflops“ zu leisten. Sie wissen nicht, was das ist? Das sind 122,3 Billiarden Re- chen-Operationen pro Sekunde! Zum Vergleich, 1980, zum Zeitpunkt des ersten PCs, konnte der schnellste Großrechner gerade mal 400 Millionen Rechenoperationen pro Sekunde bewältigen. Die Chinesen arbeiten aber derzeit bereits an einem Rechner, der eine Trillion pro Sekunde schaffen soll. Nun ja. Kommt da noch jemand mit?

Früher holte man sein Geld am Bankschalter, heute zahlen wir in Teilen bereits mit diesen Smart- phones ganz ohne Geld – wenn man denn überhaupt noch einkaufen geht und nicht gleich alles über das Internet abwickelt.

Wie groß war damals der Aufschrei, als die ersten Versicherten-Karten der Krankenkassen einen Chip erhielten, weil man Sorge vor Datenmissbrauch hatte? Heute übertragen die Menschen ihre Gesundheitsdaten live und in Farbe bedenkenlos von ihren Trackinguhren aus an die größten Datensammler der Welt.

Die Form der Kommunikation hat sich vollständig verändert. Gut, es gibt – glücklicherweise - auch noch Zeitungen und Fernsehen, aber bereits heute informieren sich immer mehr Men- schen über Internetseiten, Videoportale, soziale Medien, Online-Foren. RSS-Feeds, Online-Ti- cker, Apps usw. sorgen dafür, dass man im Sekundentakt mit neuesten Nachrichten versorgt werden kann und dass jeder - so unpersönlich wie diese Medien nun einmal sind - fast immer erreichbar scheint. Wo führt das hin? Bitten wir bald „Alexa“, unserem Partner bei Gelegenheit mitzuteilen, dass wir ihn oder sie noch lieben?

Man könnte diese Liste fast endlos fortsetzen. Und vieles davon ist aufregend, spannend, faszi- nierend, vielleicht sogar gewinnbringend und zukunftssichernd. Aber diese rasend schnellen Entwicklungen und Erkenntnisse liegen oftmals außerhalb des Vorstellungsvermögens des Ein- zelnen.

Kann man also denen, die in dem Gedanken festhängen: „früher war alles besser, weil über- schaubarer“, wirklich einen Vorwurf machen?

Wir müssen gemeinsam aufpassen und wachsam sein, dass Menschen bei all dem nicht abge- hängt werden. Eine Frau erzählte mir neulich, dass sie für ihre Eltern die App der deutschen Bahn bedienen muss, weil die älteren Herrschaften sonst kaum noch an eine Zugfahrkarte gelangen können.

Oder was ist mit jemandem, der derzeit schon an der natürlichen Intelligenz der Menschheit zweifelt, sich der Perspektive ausgesetzt sieht, im Alter einen Teil seiner Pflege von Robotern zu erhalten, die mit künstlicher Intelligenz ausgestattet wurden. Also einer Form von Intelligenz, bei der wir uns fragen müssen, wer die denn noch versteht – und vor allem beherrscht.

Was, wenn man die Dinger nicht mag und ihnen nicht vertraut? Oder auch, dass man sich nicht wohl bei dem Gedanken fühlt, von einem Roboter operiert zu werden, dessen Bediener von ir- gendwo auf der Welt dieses „Ding“ über das Internet fernsteuert?

Der Finanzmarkt wird schwindelerregend schnell und man versteht eigentlich nur noch, dass es zwar einige wenige Gewiefte gibt, die sich daran dumm und dusselig verdienen, man selbst aber nach vorne schaut und überlegt, ob man im Alter wohl genug Rente für seine Wohnung und seine Lebensmittel erhält. Und ob es dann überhaupt noch Geld gibt? Oder den Lebensmittelladen um die Ecke und ob der dann wohl nur noch „Bitcoins“ nimmt?

Man hört, dass über die sozialen Medien Wahlen beeinflusst werden. Massiv sogar, organisiert zum Teil aus dem Ausland. Wird es noch seinen Sinn ergeben, in Zukunft gewissenhaft die Wahl- kabine aufzusuchen? Und was passiert dann eigentlich, wenn man da kein Kreuz mehr auf einem Stimmzettel machen muss, sondern an einem Terminal irgendwelche Tasten drücken soll?

Veränderung, Veränderung, Veränderung – woran soll man sich da noch festhalten? Klar, an die Familie! Aber die ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Die Frau will plötzlich arbeiten gehen, die Kinder ziehen weg und kümmern sich nicht, wenn man denn Kinder hat, oder man ist ge- schieden. Und die Nachbarn? Die hängen nicht mehr am Fenster bzw. auf dem Fensterbrett, son- dern „vorm Internet“.

Ok, was bleibt dann noch? Klar, die nationale Identität. Das klingt so schön „verklebt“ nach früher. Nach der guten alten Zeit. Als wir noch „wer waren“. Wer waren wir denn eigentlich und wer sind wir jetzt nicht mehr, fragt sich jemand wie ich, die sich als Patriotin und auch als Verfassungspat- riotin sieht...

Also, kurzum: Veränderung überall und dann „musste die Kanzlerin ja 2015 auch noch ihr prag- matisches Herz entdecken“. Damit war dann der „Untergang des Abendlandes“ endgültig einge- läutet. In recht kurzer Zeit kamen viele Menschen, über die wir so gut wie gar nichts wissen. We- der über die Kultur, die Religion, die Geschichte, die Traumatisierung, den Frust, die Träume, die Wünsche, die Verbrechen oder sonst was.

Nein, niemand hat die Grenze geöffnet und es hat sie auch keiner eingeladen, sondern sie waren auf der Flucht.

Nicht alle! Hat auch nie jemand behauptet. Und das bedeutet, dass die, die kein Anrecht auf Schutz bzw. Asyl haben und die, die nicht unter die Genfer Flüchtlingskonvention oder ähnliches fallen, das Land wieder verlassen müssen. So ist unser Recht. Aber wer bin ich, wer sind Sie, wer sind wir, dass wir uns über andere erheben und ihnen verbieten, ihr Glück woanders zu suchen?

Die Auffassung, dass es unter Umständen auch eine Notwendigkeit zur - nennen wir es - „Rück- führung“ gibt, ist übrigens nicht plötzlich über mich gekommen, sondern die hatte ich schon im- mer. Aber: wann immer ich sie sage, wird sie gerne von Rechtsaußen instrumentalisiert, was dazu führt, dass man drei Mal drüber nachdenkt, ob man es sagt. Aber eine Zensur im Kopf wäre der Anfang vom Ende! Man muss den Applaus derer aushalten können, die einen verachten. Denn solche perfiden Mechanismen dürfen auf keinen Fall dazu führen, dass sich plötzlich eine Schere im Kopf bildet. Genau das passiert aber reichlich. Auf allen Seiten.

Wissen Sie, bei allen Fehlern die 2015 passiert sind - es kamen zu viele, zu schnell, zu unkontrol- liert, wir waren zu wenig vorbereitet, es gab zu wenig Absprachen usw. – und bei allem Frust, bei allen Ängsten, Fragen und Zweifeln, die viele hatten und ein paar wenige ausnutzen, bin ich doch, tja, stolz darauf, was große Teile der Zivilgesellschaft in diesem Land geschafft und geleistet ha- ben. Vielen Dank!

Ich danke den Menschen, die nicht einfach Menschenrechtsverletzungen hinnehmen, die sich von der Anklage „Solidaritätsverbrechen“ nicht abhalten lassen, die Flüchtende nicht zuerst als Illegale sehen, sondern als das, was sie sind, Menschen - vielleicht hätten sie den Friedensnobel- preis verdient und nicht die EU.

Ich war beim Thema Veränderungen: Wenn man zum Schluss noch bedenkt, dass wir bei all dem „Fortschritt“, den ich gerade beschrieben habe, nur über einen Teil der Welt sprechen, in dem sich das alles so abspielt, wird einem bewusst, dass die anderen Teile immer mehr von diesen Entwicklungen abgekoppelt werden. Was werden die tun?

Teil 2: Die Folgen

Zentrifugalkräfte.

Es driftet auseinander. Arm und reich, wissend und unwissend, gesundheitsversorgt und nicht gesundheitsversorgt, dabei und nicht dabei. Vom Klimawandel getroffen oder erst mal nur emo- tional betroffen.

Angst.

Es macht Angst, wenn man nicht mehr versteht, was sich wie entwickelt und was das für einen selbst bedeuten wird. Wenn man versucht, Schritt zu halten mit den Entwicklungen und sich ständig einem neuen, ganz persönlichen Scheitern ausgesetzt sieht.

Zugänglich.

Angst macht zugänglich für einfache Botschaften. Für die, die versprechen, man werde wieder dabei sein, eine Bedeutung haben, versorgt sein, nicht durch Entwicklungen und „andere“ Men- schen verdrängt werden.

Schuldige.

Um das Ganze dann noch verständlicher zu machen, sucht man Schuldige, auf die man den Grund für das eigene Zurückbleiben projizieren kann. Schon für die Pest wurden damals unsin- nigerweise Juden verantwortlich gemacht, die Brunnen vergiftet haben sollten. Wir wissen, was daraus erwuchs.

Aus diesen Gründen entstanden und entstehen Dinge, die wir noch vor einiger Zeit für nicht (mehr) möglich hielten. Schauen wir uns beispielsweise einmal an, was sich innerhalb bestehen- der Demokratien verschiedener Staaten entwickelt hat. Und dieser Blick ist wichtig, um uns da- rauf zu besinnen, was wir haben und was wir – mit Gleichgültigkeit oder blindem Protest - aufs Spiel setzen könnten.

In meinem Buch Haymatland schreibe ich, die Demokratie ist eine seltene Sumpfblüte. Schauen Sie sich in der Welt um...

Brasilien zum Beispiel. Dort wurde ein Präsident gewählt, der sich in seinem Wahlkampf noch nicht einmal die Mühe gab, seine nationalistischen und extremen Haltungen zu tarnen. Im Ge- genteil, die Sprache wurde nahezu brutal. Er spricht von „Säuberungen“, er bezeichnete seinen politischen Widersacher und seine Mitstreiter als „Banditen“ die „ausgelöscht“ gehören. Einer Parlamentskollegin „attestierte“ er im Rahmen des sogenannten politischen Diskurses, sie sei „es noch nicht einmal wert, vergewaltigt zu werden“. Er verherrlicht Gewalt, äußert sich unumwun- den rassistisch und bewertet ganze Bevölkerungsgruppen als Schädlinge. Schwarze, Indigene und Homosexuelle zum Beispiel. Kurzerhand verringerte er den Schutz indigener Völker in sei- nem Land und stützt damit - selbstverständlich ohne jedes Eigeninteresse - die Agrarindustrie. Er wurde gewählt. Innerhalb einer demokratischen Wahl. Von einem Volk, das auch eine andere Wahl gehabt hätte. Warum?

Schauen wir in die Türkei:
Dass ein Volk einer Veränderung der Machtbefugnisse hin zu einer präsidialen Führung zu-

stimmte und sich somit quasi zum Teil selbst entmachtete, ist mir bis heute ein Rätsel.

Verwundert reibt man sich auch die Augen, wie schnell offenbar viele, auch Staats- und Regie- rungschefs, die Massenverhaftungen und die zum Teil doch sehr beliebig anmutenden Terroris- musvorwürfe gegen Journalisten und politische Gegner bereits vergessen zu haben scheinen. Nun gut, oder auch nicht, jedenfalls fanden vor kurzem die Kommunalwahlen in der Türkei statt. Ein erneuter Lackmustest, wie es um die Demokratie in der Türkei steht.

Die AKP musste sich die Augen reiben, als klar wurde, dass der Posten des Bürgermeisters in manch türkischer Metropole durch Wahlgewinner der Opposition besetzt werden würde.

Umgehend danach wurden die Wahlen pro-kurdischer HDP-Kandidaten durch die Wahlkom- mission abgewiesen und stattdessen Bürgermeister der AKP, die bei der Wahl zum Teil weit ab- geschlagen waren, eingesetzt. Diese Wahlkommission unterliegt übrigens keiner gerichtlichen Kontrolle. Warum wohl?

Kommen wir zu den USA, der sogenannten ältesten Demokratie der Welt.
Dort befinden wir uns in der zweiten Hälfte der ersten Amtszeit des 45.ten Präsidenten. Im Prin- zip schon während des Wahlkampfes, auf jeden Fall aber nach der Amtsübernahme waren sich viele einig: Dieser Mann wird nicht lange Präsident bleiben, der dreht nur die Uhr zurück und twittert, als gäbe es nicht nur kein Morgen mehr, sondern als gäbe es auch keine Verbündeten mehr.

Erinnern Sie sich an die ganzen Rauschmisse und Rücktritte? Die öffentliche Diffamierung von Menschen mit Behinderung? Dazu noch viele falsche Aussagen und Lügen über Lügen. Ein Prä- sident, der, so kommentierte das neulich ein Freund von mir „sich wie ein 4-jähriger auf den Boden wirft und strampelt und schreit, wenn er nicht bekommt, was er will“. Einer, der von der Provokation lebt, nicht von förderlichen Entscheidungen für sein Land und für die internationale Zusammenarbeit.

Wir erleben, dass dies sehr unterschiedlich gesehen wird. Denn es gibt sehr wohl die, die ihn wählen und unterstützen, die einen neuen Stolz empfinden, wenn da mal einer „so richtig Ta- cheles“ redet und sich mit allen anlegt. Die Gefahr eines neuen kalten Krieges scheint ihnen egal. Denn hey, America First... Und auch sein Handeln ist demokratisch legitimiert.

Dann der BREXIT. Eigentlich geht es ja fast schon nicht mehr demokratischer. Ein Volksentscheid brachte die Entscheidung zum Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union. Das Volk wurde befragt, es hat entschieden. Das Gezerre um die Frage, WIE denn nun der Austritt ausse- hen wird, beschäftigt uns nun schon so lange, dass man fast den Faden verliert, wann das alles eigentlich losging ... und warum und wodurch.

Auch hier spielten Sprache und erfundene „Fakten“ eine große Rolle. Behauptungen wurden aufgestellt, Lügen verbreitet, die Sprache wurde immer ruppiger - und das alles, um bei den Menschen darum zu buhlen, dem Nationalismus Vorschub zu leisten. Wenn ich Sie nachher be- fragen würde, was die wesentlichen (und wahren) Fakten sind, die für einen Austritt sprechen, und was die Folgen - könnten Sie es kurz und knapp darstellen und argumentieren? Wenn dies noch nicht einmal Regierung und Parlament gelingt? Trotzdem wurde abgestimmt und entschie- den.

Der Brexit zeigt wie unabsehbar die Folgen sein können, wenn man an solchen Abstimmungen ohne eigenes Wissen und zugeschallt durch populistische Indoktrination teilnimmt – und dann mit den Konsequenzen leben muss. Entscheidungen bringen Konsequenzen mit sich. Mitunter langfristige, mitunter unübersehbare, mitunter unwiderrufbare. Und mitunter teilen sie das Volk.

Womit wir im Rest Europas und damit auch bei uns wären.

Im Umgang mit dem BREXIT gibt es offensichtlich eine Einigkeit. Jedenfalls fährt die EU einen recht gradlinigen Kurs. Und die Briten machen es ihr ehrlich gesagt auch nicht gerade schwer dabei.

Ansonsten? Nun ja, wie fänden Sie es, wenn ich es mit „alles beim Alten“ umschreiben würde? Mit „Altem“ meine ich die letzten Jahre, in denen sich die EU nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat, wenn es zum Beispiel um die Fragen der menschenwürdigen Sicherung der Außengrenzen ging, um die Frage der Aufnahme, fairen Verteilung - und auch Rückführung von Asylbewerbern.

In einer Zeit, in der es auch heute noch ertrinkende Menschen im Mittelmeer gibt und aus Seenot Gerettete auf Schiffen tagelang vor den europäischen Küsten auf und ab fahren müssen, bis sich jemand bereit erklärt, sie aufzunehmen.

In der die Retter kriminalisiert werden, nicht die, die für das Elend dieser Menschen verantwort- lich sind. In der immer noch Leute meinen, man könne doch diese Menschen einfach nach Libyen zurückschippern, dort sei ja schließlich der nächste Hafen. Muss ich wirklich darauf hinweisen, wie die Lage in Libyen derzeit so ist?

Wir leben in einem Europa, dass recht gut zusammengewachsen war und zusammen zu wach- sen schien, in dem es aber nach wie vor auch wachsende Kräfte gibt, die die Nationalstaaten über den Verbund stellen wollen und meinen, die Entwicklung ihrer nationalstaatlichen Blase sei dann auf jeden Fall besser als eine unter der „Diktatur Brüssels“.

Jetzt mal ehrlich: „Diktatur Brüssels“. Leute, bitte... Wenn es nicht so traurig wäre, müsste man sich darüber schlapp lachen. Ja, es gibt an der Geschwindigkeit, den Machtstrukturen, dem auf- geblähten Apparat, den Themen, die vorrangig behandelt werden und noch mehr genügend zu kritisieren. Aber „Diktatur“? Ich glaube, die Menschen, die mit aller Anstrengung versuchen, die- sen Eindruck zu etablieren, haben sich noch nicht 5 Minuten damit beschäftigt, was eine Diktatur eigentlich ist.

Bei meinen Besuchen im Irak, dem Geburtsland meiner Eltern, habe ich einen Eindruck von Dik- tatur bekommen. Da leben wir hier auf der Insel der Glückseligen. Und nein, ich bin nicht blind oder naiv. Ich sehe - in Europa, in Deutschland, in meinen Heimaten – u.a. Herausforderungen, Gefahren, Probleme. Reden sie mit mir zum Beispiel über Pflege und Bildung – da krieg ich Puls.

Und ich kenne keinen Klardenkenden, der irgendwas unter den Teppich kehren will – warum auch, denn wer hinguckt, kann auch analysieren, Schlüsse ziehen und handeln.

Aber genau das wollen die, die von Diktatur sprechen, nicht. Und warum? Weil sie auf ihrer klei- nen schmelzenden nationalistischen Heimatscholle nicht bekommen, was sie durch ihre indivi- duelle Brille gerne hätte – als wäre Demokratie ein Selbstbedienungsladen.

Aber diese Botschaft verfängt leider genauso wie der ganze Unsinn über die Islamisierung Euro- pas, der „Überfremdung“, dass man sich eigentlich nirgends mehr auf die Straße trauen kann usw. Genauso wie die vermeintlich einfachen Lösungen: Grenzen zu, Moslems raus und was da noch so alles kommt. Die sprachlichen Mittel, Provokationen und „fake news“ der Populisten er- reichen aber eine Klientel, welches in Europa a) da ist und b) für so etwas zugänglich.

Tabubrüche waren das Mittel der Wahl: ein Feldzug gegen den öffentlich-rechtlichen Journalis- mus, personifizierte Angriffe gegen die aktuellen Würdenträger. Und darüber hinaus Diskrimi- nierung, Rassismus, Homophobie, Antisemitismus, Islamophobie oder anders ausgedrückt: das Kreieren von Feindbildern gegenüber Minderheiten fast ohne Tabu. „Sippenhaft“ ist heute wieder modern.

Aber hey, sind wir doch mal ehrlich: alle Muslime sind schon irgendwie Terroristen, Messerste- cher und Vergewaltiger. Da wird schon was dran sein, wenn man es nur oft genug sagt bzw. hört... Nein, ist es nicht! Genauso wenig sind alle Polen Autodiebe oder alle Ostdeutschen Nazis. Unsinn wird nicht durch Wiederholung zur Wahrheit!

Aber Differenzierung wird nur dann eingefordert, wenn man plötzlich selbst zu einer Minderheit gezählt bzw. in eine Ecke gestellt wird.

Tja, so ist das, wenn das Unsagbare wieder sagbar geworden ist und das Undenkbare wieder denkbar. Das ist der nächste Quatsch, der sich in unsere Kommunikation eingeschlichen hat.

Das Unsagbare bleibt unsagbar und das undenkbare bleibt undenkbar. Wenn dann einer schreit, in Deutschland gäbe es keine Meinungsfreiheit mehr, bitte. Das sind dann eh die, die alles raus- hauen, was Ihnen in den Kopf kommt und dann bei Widerspruch oder Hinterfragen rumjam- mern, sie dürfen ja nicht mehr alles sagen und würden bei „Kritik“ sofort in die Nazi-Ecke gestellt werden. Dass sie sich da oftmals selber reinstellen, merken sie gar nicht mehr.

Wenn man – oder machen wir es persönlicher - ich deren Meinung mal teile, dann heißt es gleich: oh guck mal, sie ist aufgewacht, sie traut sich die Wahrheit zu sagen. Dann ist meine Meinung willkommen, denn ich bestätige ihre eigene.

Habe ich aber z.B. eine andere Meinung, werde ich ganz schnell in die Hölle geschickt, nachdem man mir im schlimmsten Fall zuvor mit Mord- bzw. Vergewaltigung gedroht hat.

Hass, Beleidigung, Bedrohung, Vergewaltigungswünsche sind keine Meinung und werden auch nicht durch unser GG gedeckt. Dass man das im 21. Jahrhundert überhaupt noch mal erklären muss.

Der Satz: „Das macht man nicht!“ scheint irgendwie in Vergessenheit geraten zu sein. Ausgelöst durch den Feldzug gegen die „political correctness“ – als sei sie so etwas wie eine Einschränkung der Meinungsfreiheit. Stattdessen wird gerade diese schamlos missbraucht, um die Grenzen des- sen, was gerade mal so noch nicht strafrechtlich relevant ist, zu nutzen. Die Grenzen eines de- mokratischen Systems nutzend, um eben diesem zu schaden.

„Weg mit dem System, wir wollen ein neues“, rufen sie. Haben Sie sich mal die Mühe gemacht und diese Menschen gefragt, welches System sie denn wollen? Ich sag’s Ihnen: Das können Sie sich sparen, da kommt so gut wie nix.

Bei manchen mag im Kopf sogar der Gedanke rumschwirren, unser System durch ein System „des starken Mannes“ zu ersetzen. Ob diesen Bürgern eigentlich klar ist, dass sie theoretisch auch eine „starke Frau“ mit diktatorischer Machtfülle bekommen könnten? Aber das übertrifft wahr- scheinlich das Vorstellungsvermögen der selbsternannten Heimatverteidiger mit ihrem mittel- alterlichen Geschlechterbild.

Sorry, aber ein bisschen Ironie muss sein. Ist so etwas wie meine Überlebensstrategie – Ironie, Humor, Sarkasmus, Atmen, Fakten – wenn ich denn all dieses Geschreibsel und Gebrüll über- haupt lesen bzw. verstehen kann. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, wie häufig diese sogenannten „aufrechten Deutschen“ mit ihrer Muttersprache auf Kriegsfuß stehen? Bemerkenswert.

Aber vernachlässigen darf man das alles natürlich nicht. Dafür ist es zu wirksam.

Vor der Wahl des europäischen Parlaments schlossen sich die rechtsextremen, rechtspopulisti- schen, rechtsradikalen Lager zusammen. Auch eine Form des Zusammenwachsens mit dem Ziel, zusammen zu wachsen. Aber nicht die, die ich meine. Und wer gehofft hatte, dass das soge- nannte „Ibiza“-Video den ein oder anderen wachrüttelt, der z.B. aus Protest Rechtsaußen wählt, der sah sich getäuscht.

Und das, obwohl man in dem Video sieht, dass ausgerechnet die, die angeblich Korruption, Wäh- lermanipulation und gesteuerte Falschberichte in der Presse bekämpfen wollen, genau das alles in Erwägung ziehen...

Auch ich würde gerne wissen wer hinter diesem - auf dubiose Art entstandenen Video - steckt, warum es zwei Jahre zurückgehalten wurde. Aber diese Fragen dürfen doch den Inhalt des Ge- hörten nicht überlagern. Diese neue alte politische Kultur ist nicht nur besorgniserregend, absto- ßend, sondern sie ist schlicht – verzeihen sie mir - zum kotzen. Ein Land gehört nicht Politikern. Die Politik steht nicht über dem Recht.

Nun, das Ergebnis der Wahlen zum europäischen Parlament liegt vor:

In der Tat ist es also so, dass sich ein nicht unerheblicher Teil der Wähler dafür entschieden hat, ausgerechnet die in das europäische Parlament zu wählen, die eigentlich die EU nicht wollen. Nicht maßgeblich aber schon ein Umfang, der beachtlich ist. Und auch das ganz demokratisch. Und auch in Deutschland mit dem bemerkenswerten Effekt, dass die AfD in östlichen Bundes- ländern einen deutlichen Zuwachs erhielt, insgesamt aber - und somit im Rest der Republik - eher hinter den Ergebnissen der Bundestagswahl und den vorab propagierten Ergebnissen zu- rückblieb.

Eigentlich nicht mehr und nicht weniger. Die Reaktionen hierauf waren jedoch mehr als holz- schnittartig. So wurde umgehend von dem „braunen Osten“ geredet und dass man vielleicht doch mal wieder über eine Mauer nachdenken solle, um die „faschistischen Bundesländer“ vom Rest Deutschlands abzutrennen.

Was ist mit denen, die mit dieser Entwicklung überhaupt nicht zufrieden sind und deutlich unter der neuen Stigmatisierung leiden.

Denn vergessen wir nicht: um die 70-80% der Wähler in z.B. Sachsen wählten NICHT die AfD oder gar die NPD. Wer gibt dieser Mehrheit eine Stimme in dem überzogenen Getöse um den „Rechtsruck im Osten“?

Teil 3: Die Mechanismen der Populisten

Demokratie ist wie ein Gummiband. Hier bei uns auf Basis eines sehr guten und festen Funda- ments, also dem Grundgesetz, darüber aber dehnbar, anpassbar, formbar an die Anforderungen, die moderne Entwicklungen so mit sich bringen. Vieles ist geregelt, oft bis ins Kleinste. Es gibt eine Menge Mechanismen in unserem Regelwerk, die helfen sollen, Geschehnisse wie in den 30er und 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht wieder zuzulassen. Bei der Verteilung der Machtbefugnisse z.B., bei den behördlichen Strukturen, durch den Föderalismus usw.

Soweit so gut. An manchen Stellen sicher auch nicht. Aber so lange alles in Bewegung ist – in- nerhalb eines demokratischen Rahmens, der übrigens von links bis rechts geht – und wir uns austauschen und verständigen, kann ich damit gut leben.

Das ist das Gummiband, weil es innerhalb dieser Regeln eben Bewegungsspielraum gibt, der gut genutzt werden kann, aber eben auch ausgenutzt.

Und er wird ausgenutzt. Und das Schlimme ist, eigentlich weiß das auch (fast) jeder. Denn es ist ja mehr als sichtbar. Unter dem Deckmäntelchen der Meinungsfreiheit und mit dem „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Ruf werden Lügen verbreitet, Schuldige kreiert, Menschen dif- famiert, ausgegrenzt, beschimpft und beleidigt. Die Sprache wird martialischer. Begriffe wie „Vormarsch“, „Kampf“ oder „Invasion“ sind da eher harmlose Beispiele.

Der Mechanismus ist im Prinzip also immer der Gleiche:

Erst gibt es eine Provokation. Ein bewusstes Verlassen der „Das macht man nicht“-Ebene gepaart mit dem lautstarken Hinweis, man lasse sich von der „political correctness“ nicht vorschreiben, welche Meinung man zu haben habe. Dabei nutzt man die Errungenschaften - die eigentlich so wichtig sind - wie die Meinungsfreiheit und deren sehr weitgefassten Grenzen auch in den (a)so- zialen Medien, um schnell eine massenhafte Verbreitung zu erreichen, bis man die Ebene der Strafgesetzgebung schrammt.

Kommt man dorthin, wird abgewiegelt, beschwichtigt mit: „das ist doch missverstanden worden“ oder dem Abschieben der Verantwortung auf irgendwelche dubiosen Subalternen, die dann als Bauernopfer von der Bühne verschwinden. Oder es wird skandiert man habe „ja nur eine Frage gestellt“.

Auch die sogenannte Frage kann zum richtigen Zeitpunkt an der falschen Stelle nichts anderes provozieren, als weitere Spaltung. Dann kommt die nächste Provokation usw. usw.

Und die, die mäßigen wollen, denen gut recherchierte Wahrheit wichtig ist, die noch ein geeig- netes „Das macht man nicht“ oder Ziele verfolgen, die der Intention der Provokateure widerspre- chen, die, die auch mal das Gelungene, das Positive, in den Mittelpunkt rücken wollen, werden häufig überhört – auch von Medien, denn es fehlt die Zuspitzung und die Übertreibung. Die Em- pörung und der Skandal.

Wenn es ganz schlecht läuft werden sie im Netz sogar noch gezielt angegriffen, mit Lügen über- zogen, mit gefälschten Zitaten, zusammengeschnitten Videos oder Memes diffamiert. Ja, so ein Shitstorm kann sehr, sehr persönlich werden.

Haben Sie einmal verfolgt, was zum Beispiel in den letzten Monaten über Greta Thunberg ver- breitet wird? Über eine 16-jährige, die sich bewegt, um zu bewegen und eine Bewegung ausgelöst hat. Man kann die Inhalte kritisieren, man kann die Eltern hinterfragen, man kann das Schul- schwänzen kritisieren, wobei ich sagen muss, mir sind hüpfende, politisierte Jugendliche lieber, die ein Thema für sich entdeckt haben, als meckernde Sesselplattsitzer, die durchtränkt und zer- fressen sind von Selbstzweifeln, Neid, Missgunst und Hass.

Mein Gott, „offiziell“ Erwachsene taten so, als hätte Greta T. den roten Knopf neben sich und wäre kurz davor einen Atomkrieg auszulösen, dabei hat sie schlicht ein Anliegen, das man teilen kann oder nicht. Aber die Angriffe gegen Thunberg waren so was von unter der Gürtellinie, dass es weh tat.

Leider haben diese Erfahrung auch in unserem Land viel zu viele gemacht. Zuletzt gab es zum Beispiel den Versuch, eine „Abschiebechallenge“ auszurufen, bei der neben mir auch andere Kol- leginnen und Kollegen „abgeschoben“ werden sollten. Dass uns dabei wieder einmal das „Deutschsein“ abgesprochen wurde, gehört zum schlechten Ton schon dazu. Gewöhnen werde und will ich mich daran nicht.

Schleichend ist aus diesem Verhalten aus meiner Sicht etwas geworden, was auch in Zukunft ein hohes Gefährdungspotenzial bietet: Es entsteht das Gefühl einer neuen „Normalität“. Einer Nor- malität, die vergiftet ist. Die es zulässt, dass Worte wieder Einzug in unseren Sprachgebrauch finden, die aus gutem Grund tabu erschienen, unter anderem, weil sie auch der nationalsozialis- tischen Sprache entstammen. Diese Sprache ist die Basis dafür, dass sich Dinge wieder in Köpfen festsetzen, die wir überwunden glaubten.

All das wirkt. Wenn die Liebhaber des Nationalismus immer wieder von Umvolkung sprechen, von Islamisierung, von Sozialschmarotzern (wenn sie ganz allgemein Asylbewerber meinen), wenn sie so tun, als würden Gewalttaten nur von Ausländern oder Migranten begangen werden, dann pflanzen sie Botschaften ein, die sich wie Giersch im Garten ausbreiten. Je mehr es wird, desto schwerer wird es, es wieder einzudämmen.

Und dann glauben irgendwann die Leute eben auch, dass importierte Autos die nationale Sicher- heit gefährden und wählen die, die vermeintlich einfache Lösungen parat haben, wie Mauern o- der geschlossene Grenzen zum Beispiel – oder Strafzölle.

Es geht also darum, Botschaften zu verbreiten, zu erhärten, mit Emotionalität aufzuladen und somit gefühlt zur Wahrheit werden zu lassen. Durch Masse wird versucht, Themen zu setzen, Unruhe zu schaffen und gegen Menschen aufzuwiegeln, die sich nicht dagegen wehren können.

Das funktioniert nicht nur, weil der Diskurs in den sozialen Medien meist von rechts bis rechts- außen bestimmt wird, sondern auch weil Menschen - wie eingangs dargestellt - schon mit dem „normalen Leben“ überfordert sind und es eine gewisse Sehnsucht nach vermeintlich Begreif- barem, Einfachen gibt.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es sie nun mal gibt und schon immer gegeben hat – auch schon vor 2015: Die Rassisten. Die Diskriminierer. Nur jetzt treten sie mit einer ganz anderen Chuzpe auf, weil sie schweigenden Applaus bekommen. Von Menschen, die hassen lassen. So hat es mal die Schriftstellerin Carolin Emcke gesagt.

Und ist man erst einmal zum Ziel geworden, hinterlässt das Spuren, es verändert sogar die eigene Kommunikation. Wenn ich z.B. über Äpfel rede, beziehe ich oftmals alle andere Obstsorten mit ein, am besten auch noch alles an Gemüse, Fleisch und Fisch, nur damit man mir hinterher kei- nen Vorwurf machen kann, ich hätte etwas beschönigt, weggelassen oder hervorgehoben.

Kommunikation, die nur zum Ziel hat, einen zu erwischen, ist eh zum Scheitern verurteilt. Aber dieses Vorgehen ist ein Teil der Realität: Antworten werden ins Lächerliche gezogen, Erklärungen als Rechtfertigungen verhöhnt, Schweigen als Zustimmung oder Schachmatt gewertet.

Das führt dazu, dass sich viele zurückziehen – auch aus dem Diskurs. Aber genau das darf nicht passieren. Ja, es ist anstrengend für die, die offen sind für andere, auch für andere Sichtweisen und Argumente. Ja, es ist anstrengend, wenn man merkt, dass das Gegenüber keinen Wider- spruch erträgt, sondern nur auf Zustimmung aus ist. Nur was ist die Alternative? Schweigen? Weggucken? Das hatten wir doch alles schon mal.

Und deshalb würde man doch denken, dass jeder Demokrat den folgenden Satz unterschrieben würde. Ich jedenfalls tue es und sage:

keinen Finger breit den Extremisten, Terroristen, Radikalen, Lügnern und Populisten, die uns spalten und uns gegenseitig ausspielen wollen!

Und doch sehen wir bereits in manch einer Demokratie Risse. Es ziehen Menschen mittlerweile in Parlamente ein, die auch dort ihre Provokationen ausweiten. Und wir erlebten - und tun dies auch noch aktuell - eine gewisse Ohnmacht im Umgang mit diesen Provokateuren, denen es im ersten Schritt gar nicht darum geht, wirklich Politik zu gestalten, sondern einfach darum, ihren Einfluss zu erweitern und auch diese Bühnen für ihre ganz eigenen Ziele zu nutzen.

Ein multikulturelles Zusammenwachsen zu verhindern, zum Beispiel. Ein Zusammenwachsen unter Einhaltung der jeweiligen Regeln selbstverständlich – ich sage das nur vorsichtshalber, sonst heißt es wieder, die „Hallali“ will die Deutschen abschaffen. Also auch mich selbst...

Sie werden gewählt – die Extremen, die Ausgrenzer, die Populisten. Warum frage ich Sie erneut? Was versprechen sie sich, was versprechen sich die Wähler davon? Warum glauben sie, dass - wie in Brasilien - solche Staatslenker die Dinge zum Besseren wenden? Was ist denn überhaupt „das Bessere“?

Und merken diese Menschen nicht, dass sie ausgenutzt werden, damit Demokratiefeinde mit den Mitteln der Demokratie an die Macht gelangen? Wann kommt der Moment, wo sich alle die Augen reiben und überlegen, was sie da angerichtet haben? Meist wohl erst in dem Moment, wo ihre eigenen Rechte eingeschränkt werden und dann ist es zu spät. Erst dann, wenn Sie merken, dass auch Ihnen die Solidarität entzogen wird?

Und warum glauben eigentlich die, die lautstark und – ja, auch zunehmend aggressiv und sogar gewalttätig - mithelfen, Leute an die Macht zu bringen, die letztlich eine ganz andere Staatsform wollen, dass sie dauerhaft zu den Gewinnern dieser Entwicklungen gehören werden?

Steigbügelhalter sind nur so lange nützlich, wie man auf das Pferd gelangen möchte. Sitzt man drauf, sind sie ganz schnell entbehrlich, vor allem dann, wenn sie es dann wagen, ihren Dank und ihre eigene Position im Machtgefüge einzufordern. Die Geschichte ist doch voll von solchen Bei- spielen, auch die deutsche, gibt es denn da gar keine Lerneffekte?

TEIL 4: Mein Ausblick

Viel Geschwindigkeit also, viel Veränderung, viel Bedrohung und ja, auch Überforderung. Dazu kommt noch, dass alte Regeln für neue Zeiten in Teilen überholt sind und wir uns auf neue ver- ständigen müssen. Aber wie...

Im Prinzip eint wohl alle der Gedanke, dass zusammenwachsen soll, was zusammengehört. Nur: was bzw. wer zusammengehört, da gehen eben die Einstellungen sehr weit auseinander.

Wer zusammenwachsen muss, ist aber dem Grunde ziemlich schnell formuliert:

Die Menschen.

Klingt einfach, ist es aber nicht. Denn wir Menschen neigen dazu, uns unsere eigene kleine Welt zu basteln, in der wir selbst eben gut, ja, die Besten sind. Aber was ist der Maßstab dafür? Eben- falls wir selbst. Wir richten uns ein, haben unsere eigenen Ziele, unsere eigenen Werte, unsere eigenen Interessen. Und die sind dann eben gültig. Im besten Falle für alle, denn dann ginge es uns ja richtig gut. Nichts würde stören, nichts wäre anders.

Geht es nur mir so, oder finden Sie das auch irgendwie langweilig? Das wäre doch furchtbar, wenn alle das gleiche denken und fühlen würden, wenn alle das Gleiche mögen oder ablehnen. Wenn alle gleich lieben, glauben, leben, beten oder wählen würden. Wie sollte es denn da Anreize geben, etwas Neues zu entdecken, etwas, was vielleicht das eigene Wohlgefühl noch weiterent- wickelt. Ist es wirklich so unvorstellbar, dass das geht? Raus aus der eigenen Komfortzone, hinein ins Unentdeckte.

Ein paar unserer Fähigkeiten scheinen in der rasenden Zeit der Zentrifugalkräfte zu verküm- mern. Neugier zum Beispiel, oder der Wille, mehr Wissen über andere Menschen zu erlangen, sich wirklich verstehen zu wollen.

Zuhören, nachdenken, in sich gehen, sich selbst hinterfragen, prüfen und nicht beratungsresis- tent sein. Dann kann es sein, dass man durch den Perspektivwechsel, durch das Laufen „in den Schuhen des Anderen“, zu neuen, auch für sich gewinnbringenden Erkenntnissen kommt. Wer aber nur sendet und niemals auf empfangen schaltet, der wird am Ende in seinem eigenen Saft ersaufen.

Was mich treibt, ist die Neugierde. Und zwar seit meiner Kindheit. Vielleicht habe ich zu viele Bücher von Astrid Lindgren gelesen. Kennen Sie Madita? Ein kleines, fast siebenjährige Mädchen, das gerne fliegen möchte. Und da sie gehört hat, dass man mit einem „Schirm“ aus einem Flug- zeug springen und auf diese Art fliegen kann, klettert sie kurzerhand aufs Dach und springt mit einem Regenschirm herunter. Zack. Gehirnerschütterung. Aber hey, um eine selbstgemachte Er- fahrung reicher – und wenn man nach dem Hinfallen wieder aufsteht, geht das Leben – mit wertvollen Schrammen weiter.

Ich würde vorschlagen, wir machen das jetzt auch – nicht vom Dach springen, aber über unseren Schatten.

Bitte mal die Hand heben, wenn Sie jeden neben sich, direkt vor sich und hinter sich kennen.

Gut, dann wachsen wir jetzt mal ein ganz kleines bisschen zusammen: Gönnen Sie sich doch bitte mal 3 Minuten und begrüßen einfach die Menschen in ihrer Nähe, neben sich, vor sich und hinter sich.

Finden sie ein bisschen wie im Kindergarten? Prima. Von Kindern können wir viel lernen. - Freestyle -

Nicht falsch verstehen: das alleine ist sicher kein ausreichendes Mittel, um zusammenzuwach- sen. Aber es ist ein erster Schritt. Und mit Kleinigkeiten wie „hallo, Danke, Bitte, schönen Tag, brauchen Sie Hilfe, einem Lächeln“ fängt ein Miteinander übrigens an und hört die Gleichgültig- keit auf. Aber selbst die einfachsten Regeln der guten Kinderstube lassen in diesen Zeiten nach. Warum frage ich Sie?

Mein Eindruck ist, uns ist u.a. die Unvoreingenommenheit und das Interesse verloren gegangen, einen anderen Menschen ein wenig kennenzulernen, einen ersten Schritt aufeinander zuzuge- hen, so richtig im realen Leben. Dazu braucht es Begegnungssorte und keine zugepflasterten Städte, aber gut, ein anderes Thema.

Es ist eben oft viel einfacher, sich nicht zu bewegen und Schubladen zu öffnen, in die man sein Gegenüber einfach nur durch den ersten Eindruck oder auch durch Hörensagen hineinsteckt. Vor allem durch Hörensagen. Und wenn dann auch noch Sprachbarrieren dazwischenstehen o- der ein - nach eigenem Maßstab - ungewöhnliches Verhalten, wird es noch schwieriger.

Prüfen Sie sich bitte einmal. Wie oft haben Sie ein Grundbild im Kopf über andere Menschen? Woher haben Sie es? Aus eigenem Erleben oder aus Medien, vom Hörensagen, aus dem Internet? Und ist dann Ihr Reflex, sich genau diesen Menschen einmal zu nähern, um Sie kennenzulernen und Ihr Bild zu überprüfen?

Schubladendenken, Vorurteile sind normal. Manchmal sogar wichtig. Man muss sie sich nur vor Augen führen und mit der Realität abgleichen.

Es ist meine persönliche Überzeugung, dass wir alle gut daran tun, unsere Neugier, unser Inte- resse, für andere Menschen zu entdecken, damit wir wirklich ein Erlebnis haben und für uns prü- fen können, wer passt und wer nicht passt. Ich jedenfalls habe absolut kein Interesse daran, mir von anderen vorschreiben zu lassen, was ich pauschal über andere Menschen zu denken habe.

Und übrigens frage ich daher auch fast jeden, woher er kommt. Und so lange diese Frage nicht als ausgrenzendes Werkzeug benutzt wird – wir gegen euch – ist das doch völlig ok. Ich weiß, das sehen andere Menschen mit Migrationsvordergrund anders, weil sie von der Frage genervt sind, aber ich sage immer – wenn ich nicht mit den Wurzeln meiner Eltern umgehen kann, wie kann ich das dann von meinem Gegenüber erwarten? Es kommt auf den Ton und die Intention an.

Wenn wir selbst solche – meist gutgemeinten Fragen – diskreditieren, dann haben wir wirklich bald eine Sprachpolizei. Apropos Sprache, nicht jeder kann sich so eloquent ausdrücken, wie z.B. der Bundespräsident – also lassen sie bei der Sprache auch mal „fünfe gerade“ sein. Seien sie großzügig und nicht kleinkariert.

Wissen: Sind wir nicht neugierig, erfahren wir auch nichts Neues. Schon gar nicht von den Men- schen in unserer Umgebung, egal ob sie schon länger da sind, oder erst vor kurzem hinzugesto- ßen sind. Sich kennenzulernen, kann da erste Brücken schlagen. Und Wissen kann man auch geben. Denken Sie an all die wissenschaftlichen Erkenntnisse und Entwicklungen von vorhin. Wenn man etwas davon weiß, was glauben Sie, wie gut es anderen tut, wenn sie Ihr Wissen mit Ihnen teilen und somit die wieder ein Stückchen mitnehmen, die sich bereits abgehängt fühlten. Die Hand zu reichen ist für alle Beteiligten besser, als die Wutfaust zu ballen!

Sind wir neugierig und geben wirkliches Wissen weiter, führt dies zu fundierten Meinungen und macht unabhängiger von dem, was einem lediglich als plattes Vorurteil oder Parole aus Eigenin- teresse anderer mit auf den Weg gegeben wird.

Womit wir auch bei den Medien wären. Ich weiß, gerade die öffentlich-rechtlichen Medien wer- den massiv mit dem Vorwurf konfrontiert, „Staatsmedien“ zu sein, Meinungen vorzugeben und was man über die Regierung und ihre Ziele zu denken hat. Ich mach ́s kurz: Das ist Nonsens.

Die ÖR-Medien sind extrem breit aufgestellt. Es gibt darin eine Vielzahl von TV-Sendern, Hör- funksendern und andere Veröffentlichungen, auch in den sozialen Medien. Man kann sich dar- über streiten, ob das Angebot zu breit ist, ok, aber nicht darüber, dass dies alles einer Richtung folgt, in der am besten noch jeden Morgen die Kanzlerin persönlich jeden Journalisten anruft und vorgibt, was er oder sie zu sagen hat. Ernsthaft jetzt? Wie wollen sie so viele Menschen, nein nicht anrufen, sondern von der gleichen Richtung überzeugen?

Die Breite dieses Angebots appelliert an den einzelnen Menschen, etwas daraus zu machen. Nicht jede Sendung, nicht jeder Beitrag kann immer und überall das befriedigen, was der Einzelne ge- nau zu diesem Zeitpunkt hören möchte oder für sich ganz persönlich für wichtig erachtet. (Da gibt es eine Parallele zu Parteien. Die können auch nicht jedem einzelnen seinen Wunsch erfül- len. Dann bräuchte jeder Mensch seine eigene Partei).

Der Einzelne erhält aber beim ö-r-r eine große Palette an Informationsangeboten, die er nutzen kann, um entweder einen aktuellen Überblick zu erhalten oder auch um beliebig tief einsteigen zu können. Durch die Mediatheken sogar rund um die Uhr. Medien und Information sind eine Bring- und Holschuld. Wir senden - und Sie – Sie können empfangen und Sie können zuhören. Können, nicht müssen.

(ja, ich weiß, sie müssen zahlen. Ich übrigens auch...)

Ich behaupte jetzt einmal: Der Wille, Wissen durch das Einholen von Informationen einzuholen, ist unbequem, anstrengend und ja, es kostet auch Zeit.

Genau das ist es, was andere Quellen, die wirklich mit Eigeninteressen ausgestattete sind, aus- nutzen. Sie bedienen die Bequemlichkeit der Menschen mit Parolen, reißerischen Überschriften, Halbwahrheiten oder ganz einfach auch mit Lügen. Nicht Fehlern, die können passieren und es kommt darauf an, dass man ordentlich und transparent damit umgeht, nein, ich rede von tat- sächlichen Lügen mit dem Ziel, dass die Menschen sie für bare Münze nehmen und verbreiten. Was nie so einfach war wie heute, den sozialen Medien „sei nicht Dank“.

Verantwortung: Leben wir so vor uns hin, erwarten wir, dass alles „von anderen“ gemacht wird und wenn es uns nicht passt, meckern wir? Oder übernehmen wir doch genügend Verantwor- tung für unseren Beitrag in unserer Demokratie? Ist uns klar, dass Demokratie kein Selbstbedie- nungsladen ist? Das sie mühsam und langsam ist? Dass die Politik den Rahmen vorgibt, den wir füllen können? Dass fast jeder in ein politisches Amt gewählt werden kann. Noch ein Vorteil der Demokratie – bei uns werden Politiker unblutig abgewählt, nicht aufgehängt.

Bauen alle genügend Wissen auf, bevor das Kreuz bei Wahlen, Abstimmungen oder Volksent- scheidungen gesetzt wird? Denken wir nur an uns oder auch an das Gemeinwohl und an Schwä- chere? Sind wir uns der möglichen Folgen/ Konsequenzen bewusst, wenn wir eine „Protestwahl“ machen, nur damit etwas anders wird?

Und wieso glauben wir denen, die versprechen, dass es anders wird, obwohl sie gemessen an ihren Taten bisher wenig Anlass geben, dass es mit Ihnen wirklich besser wird?

Und damit bin ich bei dem Dilemma. Bei all den Veränderungen und Einflüssen, die auf uns alle herabprasseln, hat man den Eindruck, man könne das alles gar nicht verstehen. Man hat so viel zu tun mit den täglichen Herausforderungen des Lebens, dem Leistungsdruck, Zukunftssorgen und der Flut an Botschaften und Nachrichten, dass man am liebsten die Decke über den Kopf ziehen und auf eine möglichst heile kleine Welt schauen möchte.

Mit dem Finger auf andere zeigen, ist leicht. Aber ja, es gibt Verantwortliche, die regieren sollen, Konzepte entwickeln, die Zukunft gestalten, Vorausdenken sollen. Wer von uns wünscht sich nicht Politiker, die weniger reagieren, dafür mehr agieren. Die Lösungen herbeiführen und sich nicht über Macht, Posten oder Befindlichkeiten streiten. Und wenn sie sich streiten, sollen sie um und über die richtigen Dinge streiten. Ja, streiten. Debattieren. Ringen. Gerne auch mal emotio- nal. Mit Leidenschaft, mit Begeisterung.

Und liebe Volksvertreter, ist es wirklich wichtig, von wem, also von welcher Partei „die gute“ Idee kommt? Ich glaube, die Zeiten sind vorbei.

Und wir Bürger, wir müssen uns entscheiden. Wollen wir nun unterschiedliche Ansätze und Kon- zepte bei Parteien sehen oder wollen wir einen Einheitsbrei an Gedanken. Wenn Sie sich für Ers- teres entscheiden, dann sollten Sie es auch aushalten können, dass Parteien eigene Profile ent- wickeln. Ich gehe sogar noch weiter: vielleicht sollten Sie die Unterschiede sogar wertschätzen, auch wenn ein Vorschlag nicht ihre Meinung bzw. ihre Wünsche widerspiegelt oder ihre Bedürf- nisse befriedigt. Warum? Weil das gelebte Demokratie ist. Weil das ein demokratisches Angebot ist. Weil das die Vielfalt des (parteipolitischen) Spektrums zeigt. Und das ist doch gut so – und zwar von links bis rechts.

So kann auch das notwendige Nachsteuern gelingen, sowohl auf europäischer Ebene, als auch bei uns.

Das entbindet uns selbst aber nicht davon, unseren Teil der Verantwortung in unserer Demokra- tie zu übernehmen und uns in eine bessere Beurteilungsfähigkeit zu bringen, was und wen wir warum wählen oder welches Thema wir unterstützen und welches nicht.

Die Debatten um den Klimawandel, seinen Ursachen und seinen Folgen sind hier vielleicht ein gutes Beispiel. Es gibt genügend wissenschaftlich untermauerte Erhebungen, die auch den menschlichen Einfluss auf die Klimaentwicklung zeigen. Mit Greta Thunberg und auch der „Friday-for-future“-Aktivität der jungen Leute sind sehr sichtbare Botschafter entstanden, die zeigen, wie sorgenvoll gerade junge Menschen auf diese Entwicklungen schauen.

In nur wenigen Fällen wurde und wird der Dialog gesucht, inhaltlich hinterfragt oder versucht, Verständnis für die Botschaften aufzubauen. Stattdessen wurden die krudesten Theorien ver- breitet und pure Diskreditierungs-Kampagnen gestartet. Warum? Weil sich Jugendliche im Rah- men unserer demokratischen Möglichkeiten äußerten? Ja, Mensch, was für eine Unverschämt- heit.

Weil sie Politikern auf die Füße getreten sind und uns in Teilen den Spiegel vorgehalten haben? Ist ja noch unverschämter.

Weil sie sich mit ihren vielleicht manchmal naiven Vorstellungen um die Zukunft, um ihre Zu- kunft Sorgen machen – ja, um Himmels willen, das geht ja gar nicht.

Also was? Wollen wir nun politisch, zukunftsorientierte, evtl. sogar werteorienteierte Menschen? Ja, ich weiß, es gibt eine Schulpflicht, aber seien wir ehrlich. Wer hätte hingeschaut, auch von den Medien, wenn die Proteste samstags stattgefunden hätten?

Wir tun sehr gut daran, allen Generationen zuzuhören, sie ernst zu nehmen, ihre Ideen zu ver- stehen und zu schauen, ob sie dem Gemeinwohl dienen. Selbst wenn das für mich auch eine Veränderung bedeuten würde. Die Welt gehört uns allen, nicht nur denen, die auf Teufel komm raus, ihre Annehmlichkeit bewahren wollen und daher lieber desinteressiert wegschauen - und andere Menschen, die sich engagieren, gewissenlos kaputtreden.

Und ich kann nur - vor allen Dingen auch an junge Menschen – appellieren, engagieren sie sich in einer Partei. Gestalten sie mit. Verändern Sie. Unser Parlament muss durchmischter werden – was Alter, Geschlecht und Berufsgruppen angeht. Unser Parlament soll doch ein Abbild der Ge- sellschaft sein und möglichst alle sollten dort vertreten sein, aber wie, wenn sich kaum einer zur Wahl stellt.

Egoismus ist kein Motor, zusammenzuwachsen. Wenn wir den Blick füreinander verlieren ver- fahren wir nach dem Motto: „Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an jeden gedacht“. Das funkti- oniert aber nicht in einer Gesellschaft, in der jeder in gewissem Maße durch sein Verhalten auch eine Mitverantwortung für das Funktionieren des Ganzen trägt.

Ich habe Beispiele genannt, was passiert, wenn Menschen bzw. Wähler ihrer ganz eigenen Ver- antwortung zum Weitblick nicht nachkommen, sich nicht wirklich für Inhalte interessieren, son- dern nur Veränderung per se wollen oder irgendwelchen Rattenfängern hinterherlaufen, die al- les wollen, nur nicht eine Demokratie, in der ein gutes Zusammenleben und Zusammenwachsen gefördert wird. In der die Würde des Menschen unantastbar ist, und zwar nicht nur die des deut- schen.

Und solange wir glauben, dass „Wachsen“ nur bedeutet, dass die Wirtschaft wächst, wird das so- ziokulturelle Miteinander immer weiter beschädigt werden. Denn wo wir wirklich auch zusam- men -also gemeinsam- wachsen können -und aus meiner Sicht müssen-, ist bei der Anstren- gung, respektvoller miteinander umzugehen, einander anzuerkennen, einander zuzuhören und gemeinsame Ziele zu finden und zu verfolgen.

Und beim Verfolgen unserer Ziele müssen wir darauf achten, dass wir große andere Teile unse- rer gemeinsamen Welt nicht zu Verlierern machen. Dass diese Menschen keine Verlierer sein möchten, zeigen sie bereits heute durch ihre Bewegung. Das wird nicht enden, wenn wir glauben, nur weil wir in einem hochtechnisierten, superschnellen Teil der Welt leben, könnten wir andere ausnutzen. Bei aller Liebe zu meinem Land: es heißt nicht Germany First, sondern Humans First.

Tun wir dies nicht, kommt nicht jeder seiner oder ihrer eigenen Verantwortlichkeit nach, werden wir uns irgendwann verwundert die Augen reiben und feststellen, dass auch wir uns selbst uns unserer demokratischen Möglichkeiten und der Freiheit der Entscheidung beraubt haben.

Ich möchte später nicht gefragt werden: wie konnte es soweit kommen? Wo warst du, als es losging? Was hast du getan?

Wir können, nein wir müssen im Miteinander zusammenrücken. Reichsein und Armsein darf nicht noch weiter auseinanderdriften, im Gegenteil. Das erfordert Bewegung und die Bereit- schaft, nicht nur das eigene Optimum zu fördern, sondern ein Gemeinwohl zuzulassen. Getreu dem Satz: Wenn du mehr hast, als du brauchst, bau einen größeren Tisch - und nicht eine höhere Mauer!

Gesund sein darf nicht dazu führen, vor lauter Zufriedenheit darüber Kranke und Pflegebedürf- tige zu vernachlässigen, man kann ihnen auch ganz einfach mal helfen.

Unerfahrenen darf man dies nicht vorwerfen oder sie gar als dumm abstempeln, man kann auch mehr für sie da sein und den eigenen Erfahrungshorizont mit ihnen teilen. Nähern sich alle an, ist jedem geholfen.

Daher finde ich, wir brauchen eine neue Langsamkeit, ein neues, breites Verantwortungsgefühl, dass wir alle selbst Teil des Ganzen sind und unser ganz persönliches Verhalten im Guten wie im Schlechten Konsequenzen hat.

Und dann ist es eben vielleicht wichtiger, auf andere Menschen zuzugehen, zu verstehen, zu wis- sen und nicht zu spekulieren, um dieser Verantwortung gerecht zu werden.

Medien sollten, anstatt zuzuspitzen und polemische Überschriften zu formulieren, sich auch mehr Zeit gönnen und vertiefte Informationen anbieten, in Formaten, die den Menschen unge- hetzt dabei helfen, ihrer eigenen Verantwortung auch gerecht werden zu können. In Formaten, in denen ihre eigenen Gedanken Platz finden, also in dem Bürger in Talkrunden Platz finden.

Und, auch wenn wir Medien uns als kontrollierendes Organ verstehen, welches Widersprüche, Missratenes, Gescheitertes aufzeigt, gehört es auch zu unseren Aufgaben, das Gelungene, das Positive, die Entwicklung zu zeigen. Wir sollten uns nicht zum Handlanger derer machen, die sa- gen, dieses Land fährt vor die Wand.

Und auch alle anderen, Frauen, Männer, Omas, Opas, Familien, Freunde und auch die verant- wortlichen Politiker sollten dringend wieder mehr investieren. In die wirksamste Waffe gegen Hass, Populismus und Wegsehen: Bildung! Sowohl die eher sachorientierte als auch in die Her- zensbildung. Breite Bildung ist und bleibt einfach der beste Schutzschild gegen all das kurzge- sprungene Ungemach, gegen Lügen, gegen Panikmache!

Hier haben sich heute ungefähr 800 Menschen versammelt. Vielleicht ist mir gelungen, Sie dafür zu gewinnen, als Botschafter dafür tätig zu werden, dass jeder von uns eine Mitverantwortung dafür trägt, damit zusammenwächst, was dann zusammen weiter wachsen soll.

Denn es geht um die Demokratie in einem friedlichen Europa, in einem friedlichen Deutschland. Gemeinsam. Denn gegeneinander wird es nicht funktionieren. Trennende Mauern jedenfalls ha- ben noch nie zu mehr Gemeinsamkeit geführt.

Dass Hass und Gewalt gerade wieder auf dem Vormarsch sind - ist eine Tatsache. Mit Gleichgül- tigkeit können wir dieser Entwicklung nicht begegnen. So was kann man nur mit Entschiedenheit stoppen.

Ich, als jemand der die Gnade der späten Geburt erfahren hat, bin überzeugt sage deshalb klar, laut und deutlich:

Es ist wichtig, dass wir uns jeden Tag daran erinnern, dass es etwas zu verteidigen gibt. Dass es eben nicht in Ordnung ist, Menschen aus anderen Kulturkreisen als „Kanaken“ zu bezeichnen. Oder alle Muslime als Terroristen oder alle Ostdeutsche als Neo-Nazis. Ich sage aber auch, dass es gleichzeitig in Ordnung ist, seine Meinung laut und offen zu sagen, solange sie nicht beleidi- gend oder hasserfüllt ist. Zum Prinzip der Meinungsfreiheit gehört aber auch, dass es keinen Zu- hörzwang gibt und dass der Sprechende Widerspruch ertragen muss.

Wir brauchen eine Debattenkultur, eine Streitkultur. Das belebt die Demokratie. Und dann er- kennt man auch, dass nicht alles schwarz/ weiß ist. Dass es nicht nur entweder/oder, sondern auch ein sowohl als auch gibt.

Was wir aber zurzeit haben, ist eine Empörungskultur, die zu nichts führt, außer zu Gleichgültig- keit und Frust. Und dann kommen auch noch die Populisten ums Eck und versuchen, den Begriff „Mainstream“ als etwas Schlimmes, Dummes, Gefährliches darzustellen.

Aber ob nun in den Medien oder in der Zivilgesellschaft – wir dürfen uns von einer lauten Min- derheit als Mehrheit nicht den Mut nehmen lassen, zu unseren Überzeugungen zu stehen, wir müssen standhaft sein und wachsam bleiben. Und das tun die Menschen auch in den Bundes- ländern, in denen es einen Zuwachs der Rechtsnationalen gibt.

Die Mehrheit – auch in Ostdeutschland - steht zu den Werten einer offenen, demokratischen Gesellschaft! Ich hatte Anfang der Woche zwei Lesungen dort - in Dresden und Chemnitz. Und ich bin in meiner Überzeugung bestätigt worden: Diese Menschen wollen und brauchen unsere Unterstützung, unseren Zuspruch, unsere Kraft - wir sollten gemeinsam mit Ihnen Gesicht zei- gen. Und nicht mit dem Finger auf sie zeigen. Als Pott-Patriotin sage ich Ihnen - wir müssen nun wirklich Zusammenwachsen - für uns, für unser Land, für unsere Zukunft - und nicht noch die auf den Thron der Aufmerksamkeit setzen, die aus der Geschichte partout nicht lernen wollen.

Wissen Sie, von Kindern können wir nicht nur die Neugierde wieder erlernen, sondern auch Of- fenheit, Empathie, Mitgefühl, das unvoreingenommene Zugehen auf Menschen – oder glauben Sie, dass Kinder Rassisten sind? Dass Kinder nach Hautfarbe, Religion, Herkunft, sexueller Orien- tierung werten? Behandeln wir doch einfach jeden so, wie wir auch gerne behandelt werden möchten. Und ja, lieber Jean Paul Satre: vielleicht gibt es schönere Zeiten, aber diese ist die un- sere. Und mit mehr „zusammen“ können wir auch das Beste daraus machen! Gemeinsam. Soli- darisch. Zuversichtlich. In Würde.

Vielen Dank.
Dunja Hayali – 02/06/2019