Der erste Tag

Als am 1. September 1939 in Polen deutsche Waffen „sprachen“, hatten die Menschen in Europa und der Welt wohl vieles im Kopf, nur nicht den Gedanken, dass dies der Beginn eines zweiten Weltkrieges war. Es fehlte wohl das Vorstellungsvermögen, dass so kurz nach dem 1. Weltkrieg tatsächlich neu und noch größer entstehen konnte, was überwunden schien.

Erneut hatte man massiv die Zeichen falsch verstanden und glaubte, Menschen, die sich -ohne angegriffen zu werden- uniformieren und bewaffnen, die sich als die Herren aller Menschen verstanden, die vor politischem Mord nicht zurückschreckten, aufrüsten und eine brutale, tabulose Sprache wählten, könnten tatsächlich Frieden und Menschlichkeit wollen.

Die Bündnispartner Polens waren überfordert. Sowohl bei Ihrer Lageanalyse und ihrem Handeln vor diesem Tag, als auch dabei, dem Spuk sofort ein Ende zu setzen. Man hatte der Brutalität und der Geschwindigkeit ganz einfach nichts entgegenzusetzen. Und so begann dort in Polen die Eroberung, die Unterdrückung und das Morden - und die Welt schaute, zunächst in Schockstarre verfallen, tatenlos zu. Menschen, die begriffen, dass sie in der Welt der „Herrenmenschen“ keinen lebenden Platz haben werden, flüchteten an die Grenzen anderer Länder, die sie in bedeutsamen Teilen für sie verschlossen hielten, weil sie meinten, eigene Probleme zu haben und sich nicht vorstellen konnten, was dies für diese Menschen bedeuten wird.

Wir alle wissen, wie es weiterging. Dieser Wahnsinn, der letztlich mehr als 65 Millionen Menschen das Leben kostete, ganze Länder zerstörte und unendlich viele Seelen. Ein Krieg und seine Folgen, die uns lehrten, dass Menschlichkeit, Nächsten- und Friedensliebe Worte sind, die wir Menschen „als solches“ nicht durchgängig auszufüllen in der Lage und ja, wohl auch nicht willens sind. Nicht grundsätzlich jedenfalls. Und wie wir wissen, auch heute nicht. Zahlen über den zweiten Weltkrieg zeigen lediglich messbare Effekte. Nüchtern, tabellarisch mit dem Versuch, das Grauen begreifbar zu machen. Sie machen es nicht. Bedingt schaffen dies vielleicht Dokumentationen, Beschreibungen und Filme. Wie gesagt, bedingt. Am eindrucksvollsten ist auf jeden Fall das Gespräch mit Zeitzeugen. Das jedoch ist leider endlich.

Man hätte meinen können, dass der Schockzustand nach all dem Leid und den Atombomben auf Nagasaki und Hiroshima -als dem bisher traurigsten Höhepunkt eines todbringenden Erfindungsgeistes- alle Menschen zur Besinnung und zu der Erkenntnis bringt, dass Krieg keine Gewinner kennt. Aber wir wissen, dass diese Opfer nicht die letzten waren, die Kriege mit sich brachten. Bis einschließlich heute.

Und so kommt es auf jeden Einzelnen an, zu erkennen, wann und wo der Friede bedroht erscheint. Wo sich Menschen aufschwingen, Macht so zu ergreifen, dass in der Folge sicher Leid und Tod entstehen. Wo Menschen glauben, sie seien bessere, lebenswertere Menschen als andere. Wo Menschen ihre Empathie für die Bedürfnisse und das Leid anderer verlieren. Um sich frühzeitig friedlich dagegen zu stellen und der Menschlichkeit zu dienen. Nicht der Macht, nicht dem Tod, nicht dem Leid.

dh