Trauer macht die Seele wund.

zitat dunja

Vielleicht ist es auch Ihnen aufgefallen, dass ich in den letzten drei Wochen ziemlich „abgetaucht“ war. Der Grund dafür lag in zwei kurz aufeinanderfolgenden Todesfällen in meiner Familie. Zwei tiefe, massive Einschnitte, auf die ich öffentlich nicht weiter eingehen möchte. Es gehört nicht hierher.

Dennoch: trotz oder gerade wegen der empfundenen großen Leere, der Ohnmacht, Müdigkeit und auch Kraftlosigkeit in diesen Wochen schärften sich meine Sinne für das in diesem Moment persönlich Wesentliche. Das laute Schweigen im Kopf ließ mich in mich gehen, reflektieren und auch neu unterscheiden, was (für mich ganz persönlich) in dieser Zeit wichtig war - und was nicht. Nicht wichtig war daher der Reflex, auf alles „da draußen“ sofort zu reagieren und es zu kommentieren. Die Traurigkeit schuf für mich tatsächlich eine Zeitlang eine ganz eigene Art einer ungewollten Oase, in der zumindest Hass und Menschenfeindlichkeit keinen Platz hatten. Dafür aber u.a. Zusammenhalt, Mitgefühl, Verbundenheit, Wertschätzung.

Auch wenn die eigene Welt stillzustehen schien, die ganze Welt drehte sich natürlich weiter. Die Geschehnisse drängen sich nun wieder machtvoll in den Vordergrund und sie erschüttern mich. Weil sie betroffen machen, Mitgefühl erzeugen, aber auch massives Kopfschütteln.

Die grausamen Taten im Frankfurter Bahnhof oder zuvor in Wächtersbach. Nun das Opfer, das in Stuttgart mit einem Schwert getötet wurde. In Essen verdurstete ein Zweijähriger – von seinem Vater eingesperrt in seinem Zimmer. Ein Sprengstoffanschlag auf die Wohnung einer Politikerin der Linken. Gewalt auch gegen Politiker und Einrichtungen anderer Parteien. Dazu noch die „Diskussionen“ um Klimaschutz und Seenotrettung. Dann der Milchkühe-Skandal, die Geschehnisse im Rheinbad Düsseldorf und die Debatte um die ‚Kindertagesstätte und das Schweinefleisch‘. Um nur einige zu nennen.

Trauer macht die Seele wund, offener und vielleicht noch mitfühlender. Aber neben Mitgefühl für Opfer und Angehörige empfinde ich auch echte Abscheu und Wut darüber, WIE Ereignisse dieser Art in der öffentlichen Diskussion behandelt wurden und noch immer werden. Auch von Bundestagsabgeordneten bis Kommentarautoren in den asozialen Medien. Wo ist die Empathie, wo der Anstand, wo das Tröstende, wo ist das Lösungsorientierte, der Lernprozess, das Nachfragen, wo das Abwarten von Ermittlungsergebnissen? Wahrheit braucht Zeit, das ist noch immer meine Überzeugung. Aber stattdessen?

Es scheint wohl -mit Ausnahmen- nur noch um das Generieren von Likes, um das bewusste Verbreiten von Vorurteilen, Schubladen und Provokation um jeden Preis zu gehen. Um das Aufwerten der eigenen Position/Ideologie und das üble Abwerten des Gegenübers. Boshaftigkeit, Neid, Missgunst, Häme überall. Nein, nicht nur von „einer Seite“, von überall meint von überall. Fakten werden verdreht, unhaltbare Behauptungen veröffentlicht und bei neuen Erkenntnissen die Richtigstellung „vergessen“, denn der Aufschrei mit der Propaganda bleibt ohnehin hängen. Die Verrohrung der Sprache weitet sich aus, Schuldzuweisungen, Whataboutism, unzulässige Verknüpfungen, Beschimpfungen, Pöbeleien, Häme und echt Abartigeres sind zu sehen und zu lesen. Es ist zum K…

Die SZ schreibt:
„die Mechanismen viraler Inhalte im Internet machen es den Panikmachern besonders leicht, das Verhältnis zwischen Fakten und deren emotionaler Bewertung aus dem Gleichgewicht zu bringen. Bilder wirken stärker als Statistiken. Auch Medien tragen Verantwortung, wenn sie über Einzelfälle spektakulär berichten und so zur Verzerrung der Wahrnehmung von Kriminalität beitragen. Wenn der Einzelfall gewichtiger wirkt als das große Ganze, droht die Panik über die Fakten zu triumphieren.“

Wer nur möchte freiwillig Teil dieser (Hass)-Maschinerie sein? Was bringt das immer wieder zu beobachtende Kalkül, ganze Gruppierungen für Taten pauschal verantwortlich zu machen, die sie aber nun mal nicht zu verantworten haben? Was bringt das Verächtlichmachen über eine Person, die schlicht einen anderen Standpunkt vertritt? Was bringt Menschen dazu, massiv Panik zu schüren? Will man die Angst? Und wenn ja, wofür? Warum hat ein Teil von uns Moral und Werte, Rechte und Pflichten, die wir doch alle schätzten und schützten sollten, über Bord geworfen? Warum haben wir unsere vernünftige Debatten- und Streitkultur dem Opportunismus, Egoismus und eingepflanzten Ängsten und Sorgen geopfert?

Leben ist immer lebensgefährlich, sagte einmal Erich Kästner. Das stimmt. Nicht alles ist rosarot und ja, unter uns Menschen, Neu- wie Altbürger, sind auch Straftäter. Für die haben wir Gesetze, Gerichte und Strafen. Anwendung und Umsetzung sind unerlässlich und es gilt nachwievor, hier noch immer bestehende Lücken zu schließen. Aber dieser Versuch, alles durch Massenbeschallung soweit zu überspitzen, als könne man hier in Deutschland nirgends mehr auf die Straße gehen, ist gestört und wenig zielführend. Denn in der Dauerbeschallung mit Schwachsinn gehen die wesentlichen Kritikpunkte, aber auch berechtigte Ängste unter. Wahr ist aber auch, für das Ausmaß der Angst, die jeder empfindet, ist er oder sie auch ein Stück selbst verantwortlich. Der Abgleich mit der Realität ist wichtig. Man muss nicht alles, nur weil es gebrüllt wird, kritiklos übernehmen. Unsinn wird durch Wiederholung nicht zur Wahrheit. Und jeder, wirklich jeder, muss sich bewusst machen, was sein eigenes Handeln erzeugen kann, wenn Worte zu Taten werden. Die jetzigen Schießereien in El Paso und Ohio muss uns erneut eine deutliche Mahnung sein.

Wie wäre es, wenn wir alle in unserem täglichen Miteinander unser Gegenüber wirklich so behandeln, wie wir auch selbst behandelt werden wollen.

Und wer mir jetzt wieder moralischer Deutungshoheit, Gutmenschentum oder Naivität vorwerfen möchte, bitte. Ich nenne das eher eine gute Kinderstube. In der hat man auch gelernt, dass Meinungsfreiheit kein Alibi für alles ist. Und dass Mitgefühl, Empathie, Nächstenliebe, Dankbarkeit und die richtige Portion Demut wirklich gute und für ein faires Miteinander wichtige Tugenden sind.

dh