Stell dir vor es ist „Umweltschutz“ – und kein Erwachsener geht hin...

Stell dir vor es ist „Umweltschutz“ – und kein Erwachsener geht hin...

Diverse „Diskussionen“ im Netz zum Thema Klimaschutz bzw. Umwelt sind erstaunlich bis abschreckend. Fast wie beim Thema Migration liest man hierzu wirklich erschütternde Kommentare. Verbale Tiefschläge gegen die, die sich engagieren, sind an der Tagesordnung.

Der Tenor: 
„Bekloppte Jugendliche, die keine Ahnung haben“. 
„Spaßgeneration, die sich doch ein Scheiß darum kümmert“. 
„Die haben keine Ahnung“. 
„Die wollen nur nicht in die Schule“. 
„Dumm, verblendete, weichgespülte Ideologen“

Als wir damals auf die Straße gegangen sind, um z.B. gegen den Irak-Krieg zu protestieren, haben wir auch die Schule geschwänzt. Und? Hat uns das geschadet? Hatten wir den großen Masterplan als Lösung parat? Hatten wir alles im Blick? Nein, denn wie die Jugendlichen heute, waren auch wir keine Politiker. Wir wollten schlicht unsere Stimme erheben, unseren Protest und unsere Wut zeigen und genau das tun die „Friday for Future“-Leute auch. Ich will das Schule- bzw. Uni-Schwänzen absolut nicht schönreden. Dennoch finde ich es ganz grundsätzlich erst einmal gut, wenn sich Menschen für etwas einsetzen. Wie ernst sie es meinen, wird man sehen, wenn nicht mehr Freitags, sondern evt. Samstags gestreikt wird.

Ich finde einen anderen Punkt allerdings interessanter. Nämlich die Frage, wer sich eigentlich zu diesem Thema äußern darf? Offensichtlich nach der Meinung einiger nur Menschen, die sich noch nicht an der Umwelt versündigt haben. Also niemand!

Klar sollte man, vor allen Dingen, wenn man “gesichtsprominent“ für etwas einsteht, ein gutes Vorbild sen. Aber darf sich jemand, der in seinem Leben schon geflogen (von mir aus auch viel geflogen) ist, nicht ändern? Oder sogar weiterfliegen und an anderer Stelle sein Bestes geben? 
Etliche Menschen suchen nun nach Beweisen, um die Jugendlichen zu diskreditieren. „Die fahren Auto, sind geflogen, die haben einen Pappbecher, die essen aus einer Plastikschüssel, die besitzen ein Smartphone, etc.“. 
Kann man machen, sollte man beleuchten, aber deshalb ihr ganzen Anliegen ins Lächerliche ziehen? Oder ist das ein Ablenkungsversuch? Bloß wovon? Dass uns unperfekte Jugendliche einen Spiegel vorhalten? Ertragen das vielleicht einige ganz einfach nicht?

Wer frei von Klimasünden ist, der werfe den ersten Stein.

Ich fliege, ich fahre ein altes Mopped (ja, Doppel-„p“), ich habe ein Auto, ich muss notgedrungen Dinge kaufen, die in Plastik eingepackt sind, usw. Dafür esse ich kein Fleisch, selten Fisch, viel regionales Obst und Gemüse, keine Milchprodukte außer Käse, usw. 
Bin ich deshalb unglaubwürdig, wenn ich sage: mir ist unser Planet wichtig, mir ist die Umwelt wichtig, mir ist Tierschutz wichtig?

Bei mir jedenfalls haben die Demos schon mal eines erreicht: ich frage mich, wo ich mich noch ändern kann. Was kann ich sein lassen, was nicht? Jeder von uns kann sich einschränken, sensibler werden, etwas tun. Und da sind mir hüpfende Jugendliche lieber, als auf dem Sofa sitzenbleibende Meckerer, die sich einen feuchten Kehricht um irgendwas kümmern.

Ist es nicht erst einmal gut, dass sich Menschen für etwas einsetzen, für etwas einstehen, sich bewegen um etwas zu bewegen? Sollten wir sie nicht zumindest in ihrem - eigentlich unser aller - Anliegen ernst nehmen, auch wenn wir/sie/ich einzelne Ziele eventuell nicht teilen? Aus ökonomischer, ökologischer oder welcher Sicht auch immer.

Die Menschen, die seit Jahren auf die Straße gehen, um für eine andere oder bessere (Asyl-/Migrations-) Politik zu demonstrieren, sollen wir doch auch ernst nehmen. Warum ist das jetzt bei Jugendlichen, die sich Sorgen um ihre Zukunft machen, anders?

Welches Signal senden wir eigentlich damit aus, wenn sich etliche in diesem Land über diesen Protest (und die Protestierenden) lustig machen, anstatt sich mit den Inhalten auseinander zu setzen?

Zum Ernstnehmen gehört es dann auch, die Anliegen und Forderungen zu hinterfragen. Man kann auch Greta Thunberg hinterfragen. Man kann ihre Eltern hinterfragen. Man kann überhaupt alles hinterfragen. Was man aber nicht kann, nicht darf, ist sie zu diffamieren, sie wegen ihres Asperger-Syndroms als „Mongo“ zu bezeichnen oder gar noch schlimmer.

Es ist schon erstaunlich, dass sich einige Menschen mehr von einer 16-jährigen angegriffen fühlen, als vom Klimawandel.

Ach so, ich vergaß, den gibt es ja sowie so gar nicht.😉 Na dann – frohen Freitag!

dh