Morddrohungen

Wenn jemandem bei den aktuellen Meldungen zu den Morddrohungen gegen Cem Özdemir, Claudia Roth, Mike Mohring und weiteren reflexartig ein „recht so…“ oder „die sollen sich nicht so anstellen“ durch den Kopf geht, nur weil er oder sie mit der Politik, Tätigkeit, dem Aussehen, der Herkunft dieser Menschen oder was auch immer nicht einverstanden ist, hat er oder sie sich selbst bereits mit zum Bestandteil dieser Bedrohungsmaschinerie gemacht. Und damit letztlich auch zum billigenden Mittäter, wenn sich irgendjemand legitimiert fühlt, die angedrohte Tat auch auszuführen.

Gewalttaten und Morddrohungen werden statistisch erfasst. Statistisch. Zahlen also, hinter denen die einzelnen bedrohten oder angegriffenen Menschen fast verblassen. Natürlich wird es öffentlicher, wenn „öffentliche“ Personen bedroht werden. Natürlich wird dies dann auch presserelevant. Aber es ist nur die Spitze des Eisbergs. Und ich weiß wovon ich rede. Nicht nur, weil auch ich Drohungen dieser Art immer mal wieder erhalte. Ich weiß eben auch von Menschen, die nicht im Scheinwerferlicht stehen, denen es genau so ergeht. Online wie offline übrigens. Und warum? Weil sie sich z.B. bei Facebook, Twitter und bei ihrer (lokalpolitischen und ehrenamtlichen) Arbeit für die freiheitlich demokratische Grundordnung einsetzen und für die Einhaltung der Regeln des Zusammenlebens, die uns unser Grundgesetz vorgibt. Auch diese Menschen werden bedroht. Jeden Tag passiert das!

Es widert mich an, wenn dann ständig versucht wird, Verschwörungshypothesen zu platzieren. Wie auch bei diesen aktuellen Fällen, bei denen auch durch hochrangige Politiker der AfD versucht wird, von den Absendern abzulenken. Indem mal wieder behauptet wird, das sei ja nur ein „Fake von der linken Seite“. Ja natürlich… und der NSU war eigentlich nur ein Kegelverein, der Mörder von Walter Lübcke eine katholische Betschwester und der Täter von Halle der Osterhase…

Sarkasmus beiseite. Wahre Demokraten, die fest auf dem Boden unseres Grundgesetzes und unserer Gesetzgebung stehen, zeigen authentische Betroffenheit für die Angst, die bei bedrohten Menschen und auch deren Angehörigen entsteht. Sie verurteilen diese Drohungen mit aller Kraft. Sie fordern die umgehende Aufklärung und helfen in ihren Möglichkeiten dabei mit. Sie verteidigen die FDGO.

Und sie lenken eben NICHT von der sehr real existierenden Drohung dadurch ab, dass sie rumschwurbeln und versuchen zu verschleiern, dass es eine sehr real existierende Möglichkeit gibt, dass die Täter aus den eigenen Reihen kommen können. Die Tat, die Drohung MUSS im Vordergrund bleiben, nicht Spekulation mit dem Ziel, politische Gegner zu diskreditieren. Der Rest ist Aufklärungsarbeit, Recherche, Verhaftung, Verhandlung und Verurteilung von denen, die tatsächlich handelten.

Und noch etwas: Gewalt jeder Art ist zu verurteilen. Egal von wem, egal gegen wen. Aber es ist dann doch ein Unterschied, ob jemand nach einer Morddrohung in seinem Garten, in einem Dönerladen, auf offener Straße oder wo auch immer tatsächlich ermordet wird, oder ob ein Schaufenster beschmiert wurde. Dieser Versuch, all diese Dinge quasi auf eine Stufe zu stellen, ist albern, ist gefährlich. Denn es lenkt davon ab, dass Menschenleben bedroht werden. Und Mord ist in unserer Strafgesetzgebung nicht umsonst eines der am schwersten geahndeten Verbrechen.

Und dennoch: Es bedarf auch der allgemeinen Deeskalation „im Kleinen“. Wir brauchen keine Leute, die sich daran aufgeilen, anderen Menschen Angst einzujagen. Die im Schutze ihres Kämmerleins Drohungen verbreiten – oder dies real auf der Straße tun. Jeder einzelne muss sich bewusst sein, dass seine Worte und seine Taten dabei „mithelfen“ können, die Spirale der Gewalt zu nähren. Wir sprechen nicht mehr über eine Bedrohungslage, wir sprechen bereits über reale Gewalt. Mörderische Gewalt. Und ich sagte es bereits nach Halle: Aus Gedanken werden Worte, aus Worten werden Taten.

Was wir brauchen, ist eine Gemeinschaft von Demokraten, die zwar ihren inhaltlichen Diskurs austrägt, dabei aber sowohl auf polemische Sperenzchen, als auch auf Drohungen, Angstmacherei und Verschleierungen verzichtet. Denn in Wahrheit geht es nicht ausschließlich um Özdemir, Roth oder Mohring. Es geht um uns alle.

dh