Umweltschutz

Es ist nun einmal so, dass Menschen am schnellsten zum konsequenten Handeln bewegt werden, wenn sie von etwas überzeugt sind. Dafür gibt es Beispiele, durch die sich viel Gutes ergeben hat, aber auch extrem traurige, die viele Menschen das Leben kosteten.

Überzeugung fällt in der Regel aber nicht vom Himmel, sie ist vielmehr Ergebnis eines Prozesses, bei dem Erkenntnisse, Erlebnisse, Wissenschaft und Emotionen wirken. Aber auch Agitation, Propaganda, Fake News, Vorurteile und Bequemlichkeit. Je nach Mischung hieraus ist das Ergebnis dasselbe: Ein fester Glaube an die Richtigkeit der eigenen Überzeugung. Daneben kann man kaum auch andere Ideen und Überzeugungen gelten lassen, ein Glaubenssatz ist nur sehr schwer zu überwinden. Prallen Überzeugungen aufeinander, wird konstruktiver Dialog schnell unmöglich. Man findet eben zunächst nichts Verbindendes. Was dazu führt, dass die Kommunikation immer lauter, immer drastischer, immer polemischer wird. Verständnis war jedoch aus meiner Sicht noch nie durch Beleidigung oder reine Lautstärke zu erreichen.

Womit wir auch bei den Themen Klimawandel und Umweltschutz wären. Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse über den Klimawandel und den Anteil des Menschen an seiner Geschwindigkeit und seinem Ausmaß. Auf dieser Basis wuchs und wächst die Überzeugung vieler, es sei fünf vor (oder nach) zwölf und unser Handeln benötige absolute Priorität, Radikalität und Aufmerksamkeit. Und umgekehrt, „die anderen“ glauben den Studien und Prognosen nicht, halten den Klimawandel für ganz normal und unveränderlich. Kein Handeln notwendig.

Und so wachsen sowohl die Aktivität und Breite von Friday-for-Future, als auch die Gegenwehr. Es schaukelt sich hoch, der Ton wird rauer, die Beleidigungen und Bedrohungen gegen die Gründerin Greta Thunberg unerträglich drastisch, die Forderungen von manch Klimaschutzüberzeugtem immer weitgehender. Die Wortschöpfungen werden immer abenteuerlicher. Verfolgt man die gegenseitige Ansprache, dann stehen sich „Klimamörder“ und „Ökofaschisten gegenüber, „Veganhysteriker“ und „Wurstfetischisten“, „Grünterroristen“ und „Hubraumfanatiker“. Die einen finden, die „Kids“ sollen gefälligst zur Schule gehen und dass sie viel zu klein und dumm seien, um mitreden zu dürfen, die anderen finden, die „alten Säcke“ hätten alles verbockt und hätten bei der Debatte um die Zukunft jedes Mitspracherecht verwirkt. Wenn jemand erzählt, er beginne, sein Leben auf mehr Umweltschutz auszurichten, wird ihm umgehend vorgeworfen, dass er nicht sofort und alles ändert oder längst geändert hat. Was diese Menschen verstummen lässt und sicher nicht motiviert, ihren Weg weiterzugehen. Und ich bin überrascht, wie schnell nach striktem staatlichem Eingriff gerufen wird, nach massiven Verboten oder gar dem Wechsel der Staatsform oder des Wirtschaftssystems. Auch von denen, die das in anderen Sachzusammenhängen vehement ablehnen würden. Vielleicht sollte man sich etwas weniger wundern, warum das Gegenwehr erzeugt?

Dazwischen bewegt sich dann u.a. die Bundesregierung, die nach Veröffentlichung ihres Klimapakets von allen Seiten Dresche bekam. Ein Spiegelbild der Überzeugungen: den einen war es zu groß, den anderen viel zu klein.

Ich finde: Wenn wir die Debatte um den Umweltschutz reduzieren auf Geschrei im Viereck „Greta-Hubraum-Fleisch-Vegan“ werden wir der Sache nicht gerecht und schaffen mehr Spaltung und Radikalität, als Verständnis. Und wir nehmen Geschwindigkeit heraus, anstatt sinnvoll zu beschleunigen.

Vielleicht ist es an der Zeit, anzuerkennen, dass das Ganze sehr viel komplexer ist. Soll die Überzeugung zum Handeln wachsen, braucht es mehr Antworten auf die „wie soll das gehen“-Fragen. Ich finde es verständlich, wenn sich Menschen fragen, wie sie steigende Mobilitätskosten wuppen sollen, z.B. um zur Arbeit zu kommen. Oder gestiegene Nebenkosten, wenn sie heute schon einen Großteil ihres Einkommens für ihre Wohnsituation ausgeben müssen. Wie sie das Geld aufbringen sollen, um ihre Heizung zu ersetzen, ein neues Auto anzuschaffen. Oder wie sie vermehrt den öffentlichen Nahverkehr benutzen sollen, wenn die nächste Haltestelle weit weg ist und sie ggf. nicht mehr „so gut zu Fuß“ sind. Wo sie Arbeit finden werden, wenn ganze Produktionsbereiche wegbrechen. Wie man in Großstädten an nachhaltig erzeugte Lebensmittel gelangt und wo man sein E-Auto laden soll. Mir würden noch tausend andere Dinge einfallen. Oft wird dabei auch die heutige Lebenssituation genommen und lediglich darauf projiziert, dass alles in Zukunft teurer wird.

Damit bin ich beim Faktor Zeit. Ja, es mag fünf vor zwölf sein und ja, wir sollten die größtmögliche Geschwindigkeit bei der Umsetzung sinnvoller Maßnahmen auf dem Weg zum Ziel aufbauen. Aber die Menschen müssen auch mitgenommen werden auf diesem Weg, nicht überfahren. Denn Zeit bedeutet ja auch, dass es Antworten auf die o.g. Fragen geben kann. Auch beim Ausbau der Ladeinfrastruktur wird es weitergehen. Die technologische Weiterentwicklung hin zu CO2-armen Antrieben hat schon einen Schub erfahren und wird sicher nicht stoppen. Motoren werden effizienter arbeiten und so dem spezifischen, sukzessiven Preisanstieg der Kraftstoffe entgegenwirken. Bei Massenfertigung werden auch zukünftig neue Fahrzeugtypen so erschwinglich werden wie bisherige, genauso wie Heizungssysteme. Der öffentliche Nahverkehr kann wieder ausgebaut werden, neue Tätigkeitsgebiete für Arbeitnehmer werden entstehen und es wird weitere Antworten geben. Und die brauchen die Menschen, die sich eine gute Zukunft wünschen. Und das sind nicht nur die heutigen Kinder und Jugendlichen. Dabei braucht es aber Bewegung des gesamten Systems, die im besten Falle aus einer neuen gemeinsamen Überzeugung entsteht, weil man sieht, versteht und begreift, dass das auch für die ganz persönlichen Lebensverhältnisse gut ist und leistbar wird. Durch (Teil-)Verzicht und persönliche Veränderung, aber auch mit der Aussicht, dass sich die Lebensqualität insgesamt nicht abschwächt, eher im Gegenteil.

Dialog ist also wichtig, nicht, sich gegenseitig anzuschreien. Erklärungen suchen, Antworten geben, Wege aufzeigen, zuhören und verstehen wollen. Auch in der knappen Zeit. Denn nichts ist hemmender, als der Versuch, trotz dauerhaft gegensätzlicher Überzeugungen gemeinsam weiterzukommen.

dh

---

P.S. Kürzlich erwähnte ich, dass ich von Berlin nach Saarbrücken zu einer Lesung fliegen wollte. Ich begründete das (so weit sind wir schon, dass man das begründen muss…) unter anderem damit, dass eine Zugfahrt 7 Stunden dauern würde und es zeitlich mit der Übergabe des Hundes zum „Babysitter“ einfach nicht funktioniert hätte. Daraufhin musste ich mir wüste Beschimpfungen anhören. Was mir einfiele, in diesen Zeiten noch zu fliegen, ich würde wohl „einen Scheiß“ auf Klimaschutz geben.

Was ich persönlich alles in Sachen Klimaschutz und Umweltschutz tue (und das übrigens nicht erst „seit Greta Thunberg“), geht eigentlich keinen was an. Aber ja, ich fliege noch, fahre Auto und Motorrad, verwende notgedrungen leider ein bisschen Plastik, gehe jeden Tag duschen. Der Hund pupst, atmet und isst Fleisch; ich dagegen nicht. Also, ich esse u.a. kein Fleisch. Am liebsten würde ich diesen „Kritikern“ antworten, dass ich jetzt, wegen ihnen, nach 20 Jahren wieder Fleisch esse. Einfach aus Trotz.

Spaß bei Seite, will sagen: bei der Art der verbalen Angriffe, die ich mir anhören musste, kann ich verstehen, dass Menschen sich dem Thema völlig verschließen und verhärten. Wollen wir das?