Halle (Saale)

Bedarf es wirklich noch des Augenreibens nach so einer Tat wie nun in Halle an der Saale, um klarer zu sehen? Sind es noch die alleinig richtigen Worte, wenn man vielerorts von dem Erschrecken und Entsetzen hört und liest? Von Alarmsignalen und tiefer Betroffenheit?

Terror ist eine Geißel der Menschheit. Egal aus welcher Richtung oder Motivation heraus er erwächst. Egal von wem. Egal, ob von innen oder von außen. Und es gibt an Anschlägen nichts zu beschönigen, zu relativieren, zu verharmlosen. Jede Tat braucht ihre Strafverfolgung. Jede Tat braucht ihre Einordnung..

Aber die Frage „wo führt das hin?“ und Mahnungen wie „wehret den Anfängen“ oder „lasst uns wachsam sein“ erscheinen mir doch mittlerweile bei dem, was wir vom extrem rechten Rand bei uns im Land erleben müssen, langsam verfehlt. Und auch „Analysen“, welches Risiko durch neo-nationalsozialistisches Gedankengut bestehe, treten aus meiner Sicht die Opfer und deren Angehörige noch nachträglich gegen das Schienbein.

Verantwortlich für die Tat bleibt der Täter. Klar. Aber aus Gedanken werden Worte, aus Worten werden Taten. Diese Mahnung, die so unglaublich oft in vergangener Zeit geäußert wurde, wurde genauso oft ins Lächerliche gezogen. Lachen diese Menschen jetzt immer noch? Oder bedarf es etwa noch weiterer schrecklicher Taten wie in Halle, bei der menschenfeindliches und antisemitisches Gedankengut so klar und deutlich als Motivation vom Täter selbst ins Schaufenster gestellt wurde, bis der Zusammenhang zwischen Sprache und Tat ernst genommen wird?

Und nein, ich gehe hier und heute nicht auf die Versuche mancher (mitunter auch mancher „Volksvertreter“) ein, die nun mit kommunikativer Macht versuchen, abzulenken, zu relativieren oder andere Gruppierungen ins Rampenlicht zu drängen. Es ist an Peinlichkeit und Niedertracht kaum zu überbieten.

Was mich auch nachdenklich stimmt, ist die in Teilen mediale Hilflosigkeit des Umgangs mit all dem. Die einen zeigen ab sofort dauerhafte Sondersendungen und zerren „Experten“ vor die Kamera, deren Qualifikation man in Teilen hinterfragen darf. Oder interviewen Augenzeugen derart bedrängend, dass man sich schon schützend davorwerfen möchte.

Manche Medien zeigen das grauenhafte Video des Attentäters, der damit Aufmerksamkeit erzeugen wollte und diese nun auch noch bekommt. Warum? Wo ist der Mehrwert, wo der Erkenntnisgewinn, wenn Medien diese Selbstheroisierung des Täters zeigen?

Auf der anderen Seite werden Medien danach „bemessen“, warum es denn nun "immer noch keine Sondersendung" gibt, obwohl die Tat doch nun schon einige Minuten her ist...

Wie soll das gehen, wenn wir kaum was wissen? Was soll das alles bringen? Recherche, Fakten, Gewissheit und Informationen verkommen zu Fremdworten. Sensationsgier wird dagegen durch die Beschleunigungssprirale aus Gerüchten und perfider "Hoffnung" u.a. über die Herkunft des Täters genährt.

Natürlich muss über ein Geschehen dieser Art berichtet werden. Am seriösesten so, dass das rüberkommt, was tatsächlich Erkenntnis ist. Oder, wie auch vorgestern geschehen, wenn eine Bedrohungslage für die Bevölkerung existiert. Aber ansonsten hat die „schnellste Nachricht“ schon immer eher Öl ins Feuer gegossen, als dass sie half. Egal, ob sie von einem Medium kam, oder von irgendeinem Twitteraccount.

#Halle und auch der Mord an Walter Lübcke sind mehr als eine Mahnung. Sie sind ein furchtbarer und ein endlos trauriger Beweis dafür, dass wir als Gesellschaft insgesamt und auch der Rechtsstaat mit seinen Handlungsmöglichkeiten gefordert sind, denn es geht nicht um die Frage, ob „etwas droht“, es ist bereits da. Es tötet Menschen. Wir müssen Gesicht zeigen, aufmerksam sein, auch was unser eigenes Verhalten anbelangt und aufhören, den Menschen hinterher zu rennen, die spalten, hetzen und nur Hass und Gülle ausschütten. Alles andere ist Augenwischerei.

Da ich selbst erst vor wenigen Tagen in Halle war, möchte ich den Menschen dort gerne sagen, dass es wirklich furchtbar ist, was sie und ihre Stadt erleben mussten. Ich finde für diese Tat kaum Worte, die Gefühle schwanken zwischen Trauer und Wut. Ich hoffe nur, dass wir in der Trauer zusammen stehen und grundsätzlich aus Wut nun Mut und Hoffnung machen. Meine Gedanken sind bei den Opfern, Verletzten und Hinterbliebenen. Man kann es sich einfach nicht vorstellen, wie sich das jetzt für sie anfühlen muss. #wirstehenzusammen

dh